Wandern: Tipps fürs Rucksackpacken, Schuhe, Ausrüstung

[00:00:02] Christine Thürmer Man kann jetzt an allen, vielen Ecken irgendwie schrauben und machen und tun, damit man so eine Langstreckenwanderung schafft. Aber der wirklich ausschlaggebende Faktor, ob das jetzt klappt oder nicht, das ist ein möglichst niedriges Rucksackgewicht.

[00:00:17] Lenne Kaffka Ideen für ein besseres Leben haben wir alle. Aber wie setzen wir sie im Alltag um? In diesem Podcast treffen wir jede Woche Menschen, die uns verraten, wie es klappen kann. Willkommen, zu Smarter leben. Ich bin Lenne Kaffka und diesmal spreche ich mit Christine Türmer.

[00:00:35] Christine Thürmer Hallo, mein Name ist Christine Türmer und ich bin Langstreckenwanderin. Das heißt, ich gehe lange Strecken zu Fuß - ich mach nix unter 1.000 Kilometer - und über meine Wanderungen schreibe ich Bücher und halte Vorträge.

[00:00:48] Lenne Kaffka Wälder durchqueren, auf Berggipfeln rasten und dem rauschenden Bach lauschen - so schön kann Wandern sein. Aber wer mehrere Tage durch die Natur läuft, bekommt es auch mit anderen Dingen zu tun: Dreck, Erschöpfung, nassen Klamotten oder auch Langeweile. Für Christine gehört so etwas zum Alltag. Vor 13 Jahren hat sie ihren Job aufgegeben, seitdem ist sie fast immer unterwegs, hauptsächlich zu Fuß und mit ganz wenig Gepäck. Doch trotz aller Entbehrungen ist sie in ihrem neuen Leben zufriedener.

[00:01:17] Christine, du sagst, Wandern hat dich zu einem glücklicheren Menschen gemacht. Warum?

[00:01:21] Christine Thürmer Also allein über die Frage könnte ich eigentlich stundenlang diskutieren. Ich versuch's mal auf einen Punkt zu bringen, auf die Essenz: Und zwar Wandern senkt die Glücksschwelle und macht einen damit zum glücklicheren Menschen. Warum senkt es die Glücksschwelle? Beim Wandern muss ich mich ja total reduzieren. Ich habe ja alles, was ich brauche, in meinem Rucksack - der wiegt bei mir fünf Kilo - dabei. Durch diese Reduktion auf das Minimum, wird plötzlich all das, was darüber hinausgeht, also all die Sachen, die früher für mich ganz normal waren, die werden plötzlich zum totalen Luxus und - jetzt kommt das Entscheidende - lösen unwahrscheinliche Glücksgefühle aus.

[00:01:57] Lenne Kaffka Für dich fängt ja eine Wanderung aber erst ab circa 1.000 Kilometern an. Jetzt hat nicht jeder Lust auf so eine lange Strecke, und vielleicht traut es sich auch nicht jeder zu. Kann man denn auch das Wanderglück vielleicht schon nach ein, zwei Tagen erfahren? Wie schnell senkt sich diese Schwelle?

[00:02:11] Christine Thürmer Ein paar Tage sollte man schon unterwegs sein. Aber das mit den 1.000 Kilometern ist eher so flapsig daher gesagt. Ich bin ja sehr geizig, und ich sage immer, unter tausend Kilometer lohnt sich die Anreise nicht - daher kommt immer dieser markige Spruch. Aber letztendlich ist es individuell, wann das losgeht. Es geht dann los, wenn man quasi aus dem normalen Alltag rausgeht und sich auf diese Minimierung, auf das Wesentliche einlässt. Und es kann schon nach ein paar Tagen passieren. Ich brauche dazu ein bisschen länger, aber da gibt's keine definierte Grenze, ab wann man richtig ins Fernwanderweg reinkommt.

[00:02:40] Lenne Kaffka Du bezeichnest dich selbst ja als meist bewanderte Frau der Welt mit mittlerweile 50.000 Kilometern. Seit Ende Mai bist du auch schon wieder unterwegs. Deine aktuelle Route führt dich von Görlitz an der polnischen Grenze bis nach Sizilien. Bis vor ein paar Jahren sah dein Leben ja auch noch ganz anders aus. Wie bist du denn überhaupt zu diesem extremen Wandern gekommen?

[00:02:59] Christine Thürmer Also ich versuche jetzt auch hier mal die Kurzfassung zu machen. Ich war früher eine Geschäftsfrau, also eine klassische Karrierefrau. Ich habe in der Unternehmenssanierung gearbeitet und war da auch mit Spaß an der Sache und vor allem auch mit Erfolg dabei. Und zum Langstreckenwandern kam ich eigentlich durch einen großen Zufall, als ich bei einem Urlaub in den USA die ersten amerikanischen Langstreckenwanderer, die sogenannten Thru-Hiker, also übersetzt "Durchwanderer" kennengelernt habe. Ich war total fasziniert von diesem Lebensstil. Aber ich wäre trotzdem noch nicht los gewandert, wenn das Schicksal mir da nicht zwei ganz gewaltige Tritte in den Allerwertesten gegeben hätte. Das waren zwei eher dramatische Sachen. Das erste war, dass ich damals ganz unerwartet gekündigt worden bin. Und das zweite, was eigentlich viel dramatischer war, dass genau dann im Anschluss ein guter Freund von mir, der genau zehn Jahre älter war als ich, plötzlich einen Hirnschlag erlitten hat, den er zwar überlebt hat, aber auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen. Und den habe ich dann sehr oft als frischgebackene Arbeitslose im Pflegeheim besucht. Und da ist mir klar geworden, anhand seines Schicksals, - er ist dann auch wenige Wochen später, bei einem weiteren Schlaganfall verstorben - dass im Leben nicht Geld die wichtigste Ressource ist. Weil Geld wäre planbar, aber auch vermehrbar. Die wichtigste Ressource ist Lebenszeit. Die Lebenszeit kann ich nicht vermehren und vor allen Dingen, und das hat mir das Schicksal dieses Freundes auch gezeigt, ist es nicht planbar. Und dann habe ich mir vorgenommen: Okay, das willst du jetzt machen, dieses Wandern und warte damit nicht bis zum Rentenalter, weil, wie das Schicksal dieses Freundes mir gezeigt hat, kann es dann zu spät sein. Und dann bin ich einfach los gewandert, und seitdem davon eigentlich nicht mehr losgekommen.

[00:04:36] Lenne Kaffka Du schreibst in den Büchern, dass du dein Glück beim Wandern eher zufällig gefunden hast. Wonach hast du denn ursprünglich eigentlich gesucht?

[00:04:43] Christine Thürmer Eigentlich war ich neugierig. Ich hatte ja zufällig diese Thru-Hiker bei dem Urlaub getroffen und fand das halt total toll. Die sahen halt so normal aus, und überhaupt nicht so sportlich wie man sich die so vorstellt. Ich dachte, Mensch, also wenn die das können, dann kann ich das doch auch einfach ausprobieren und einfach gucken, wie ist das? Was ist das für ein Lebensstil? Und aus der Perspektive bin ich dann einfach los gewandert. Ich war gar nicht darauf fixiert, irgendwie anzukommen, und schon nach zwei Wochen war mir klar, das ist jetzt nicht meine letzte Wanderung. Und das will ich weitermachen. Und so kam es dann auch. Und davor, muss ich dazu sagen: Die erste Wanderung, da habe ich mir auch gleich vorgenommen, nicht kleckern, sondern klotzen. Meine erste Wanderung führte mich direkt 4.277 Kilometer von Mexiko nach Kanada.

[00:05:24] Lenne Kaffka Also, es wirkt so, als ob du dir von Anfang an relativ viel zugetraut hast. Und du behauptest ja auch, dass letztendlich jeder so eine Art von Wandern machen kann und dass die meisten Hinderungsgründe eigentlich nur vorgeschobene sind oder vermeintliche sind - zum Beispiel, dass man nicht fit genug oder zu alt ist, dass man zu wenig Geld hat oder zu wenig Zeit oder dass solche Wanderungen zu gefährlich sind. Das wären jetzt, ehrlich gesagt, auch genau meine Einwände gewesen. Deshalb bin ich umso gespannter, wie du sie jetzt vielleicht entkräften kannst.

[00:05:49] Christine Thürmer Also mit dem nicht fit genug sein, kann man gleich anfangen, weil ich war überhaupt nicht fit. Wenn ich zurückblicke auf meine schulische Karriere: Ich war immer so eine kleine Streberin und meistens Klassenbeste, aber in Sport war ich die totale Niete. Dazu habe ich nach Ansicht meines Orthopäden sowohl Plattfüße als auch X-Beine und um es mal vorsichtig auszudrücken, sagt mein Hausarzt immer ganz diplomatisch, ich sollte mal mindestens fünf oder zehn Kilo abnehmen. Also, ich bin jetzt überhaupt nicht der athletische Typ, habe dann aber gleich beim ersten Mal gemerkt: Die anderen Leute, die das machen, sehen auch nicht viel besser aus als ich oder sind eigentlich auch nicht viel sportlicher. Weil, das hast du schon auf den Punkt gebracht, ob man so eine Wanderung schafft oder nicht, das entscheidet sich zu 80 Prozent im Kopf und nur zu 20 Prozent in den Füßen. Weil diese Fitness, die kommt unterwegs von selber. Also, man ist ja lange genug dazu unterwegs. Für diese 4.277 Kilometer habe ich ja auch fünf Monate gebraucht und habe genug Zeit, um fit zu werden. Aber die mentale Einstellung muss man von Anfang an mitbringen. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Dann kann man das in der Regel auch schaffen. Es gibt ganz wenige körperliche oder Fitness-Hinderungsgründe, die einen davon abhalten könnten.

[00:06:49] Lenne Kaffka Jetzt hast du selber schon den Punkt Zeit genannt und hast gesagt, na ja, man hat ja mehrere Monate Zeit. Aber das ist doch nun wirklich so, dass man diese Zeit erst haben muss, dass nicht jeder hat, oder?

[00:06:57] Christine Thürmer Auch das ist wieder eher so ein eingebildeter Hinderungsgrund. Also, ich bin ja damals unerwartet gekündigt worden und konnte diese Zeit nutzen. Ich habe mir da einfach keinen neuen Job gesucht, sondern bin los gewandert. Aber ich habe in der Zwischenzeit ja sehr viele Leute kennengelernt oder die auch beraten. Am Anfang heißt es immer, das erlaubt mein Chef mir nie, oder er genehmigt es mir nicht und ich muss dann kündigen. Und fast immer, wenn dann die Leute zum Chef hingehen und es vernünftig erklären und sagen, so, ich will das und das machen, also mit rechtzeitiger Ankündigung, und ich komme dann und dann zurück - in der Regel sind Chefs gerade jetzt, in Zeiten des Fachkräftemangels, eigentlich sehr geneigt, das eben dann auch zu akzeptieren und dann eine unbezahlte Freistellung zu genehmigen. Und im schlimmsten Fall muss man dann halt kündigen. Aber ist ja nicht so, dass man dann, wenn man einmal gekündigt hat, nie mehr einen Job findet, sondern ganz im Gegenteil: Das ist mir auch bei meiner ersten Wanderung passiert, als ich zurückkam und in die Vorstellungsgespräche wieder ging, dass dann die Headhunter wirklich total begeistert waren, weil so eine Wanderung gibt einem so ein wahnsinniges Selbstvertrauen und so eine positive Ausstrahlung. So, dass die alle sagten, das ist so toll, Sie haben so eine Energie, ich traue Ihnen diesen Job zu. Ich schlage Sie als meine Favoritin vor.

[00:08:05] Lenne Kaffka Auf die anderen Punkte – Geld und Risiken - kommen wir bestimmt noch im weiteren Verlauf des Gesprächs zu sprechen. Was dir aber auf deinen Reisen ja auch hilft, ist, dass du mit ganz wenig Gepäck unterwegs bist. Du reist mit gerade mal fünf bis sechs Kilo Basisgepäck. Wie bekommst du das hin?

[00:08:20] Christine Thürmer Das ist auch ganz wichtig, was ich jetzt wirklich als wichtigste Botschaft aus diesem Podcast mitgeben möchte: Man kann jetzt an allen, vielen Ecken irgendwie schrauben und machen und tun, damit man so eine Langstreckenwanderung schafft. Aber der wirklich ausschlaggebende Faktor, ob das jetzt klappt oder nicht, das ist ein möglichst niedriges Rucksackgewicht. Man kann jetzt auch mit schwerem Rucksack so Wanderungen schaffen, aber rein statistisch: Je mehr man auf dem Rücken trägt, desto mehr sinkt die Chance, dass man so paar hundert oder tausend Kilometer durchhält. Wenn man nur begrenzt Zeit und Budget zur Verfügung hat, dann würde ich nicht versuchen zu trainieren oder was anderes zu machen, sondern ich würde diese ganze Zeit und Ressourcen darauf verwenden, mein Rucksackgewicht zu optimieren.

[00:08:59] Lenne Kaffka Okay, aber fünf bis sechs Kilo? Es gibt ja ganz viele Menschen, die in Urlaub fliegen und schon Angst haben, dass 20 Kilo nicht reichen. Was kann man denn bei fünf bis sechs Kilo einpacken?

[00:09:07] Christine Thürmer Da ist wirklich alles drin, was man braucht. Man braucht unterwegs wirklich wenige Sachen. Um es auf den Punkt zu bringen: Du brauchst eigentlich nur vier Sachen unterwegs. Du brauchst Wasser, Proviant, du brauchst Wärme, du brauchst Wetterschutz. Wasser und Proviant, das sind veränderliche Variablen. Also wenn ich jetzt aus einer Stadt komme, gerade eingekauft, und dann loslaufe auf eine Etappe, die eine Woche dauert, dann habe ich natürlich mehr Gepäck dabei, als wenn ich dann nach einer Woche in die nächste Stadt komme und leer gefuttert bin. Das heißt, man vergleicht immer das Basisgewicht, das sogenannte Base Weight. Das beinhaltet wirklich die komplette Ausrüstung, inklusive Rucksack und wirklich alles, was man auf dem Rücken trägt, ausgenommen eben Wasser und Proviant. Und da ist die Zielmarke, wie du schon gesagt hast, fünf, bis im Winter, maximal sechs Kilogramm. Da ist dann ein Rucksack, Schlafsack, Isomatte, Zelt, Kocher, Reiseapotheke, wirklich alles, alles dabei - ausgenommen das, was man halt am Körper trägt. Und da gehe ich davon aus, damit ich mich nicht selbst behumse, dass ich mit Shorts und T-Shirt wandere. Alles andere wiegt fünf Kilo.

[00:10:07] Lenne Kaffka Was braucht man denn wirklich an Wanderequipment?

[00:10:11] Christine Thürmer Das ist der nächste Punkt, dass eigentlich dieses Langstreckenwandern relativ billig ist. Weil die entscheidende Gewichtseinsparung kommt jetzt nicht durch teure Spezialausrüstung - also auch, aber nicht primär. Die Schritte, wie man zu diesen fünf Kilo hinkommt, in so einem iterativen Prozess, der in fünf Schritten abläuft. Der erste Schritt ist ganz banal: Man wiegt jeden einzelnen Ausrüstungsgegenständen, und zwar wirklich aufs Gramm genau auf der Küchenwaage. Das heißt wirklich jedes einzelne Pflaster und jeder einzelne Tablettenstreifen von Kopfschmerztabletten, die in die Reiseapotheke geht. Und dieses Gewicht, jeder einzelne Ausrüstungsgegenstand, trägt man am besten in eine Excel-Tabelle ein. So kann man dann am Computer so lange optimieren, bis man eben das Zielgewicht hat. So, das ist Punkt 1. Punkt 2, der zweite Schritt ist dann eben das Weglassen. Man überlegt, okay, brauche ich das wirklich? Bei diesem wirklich essenziellen Schritt 2 ist die entscheidende Frage, gibt es ohne diesen Gegenstand ein lebensbedrohliches Problem? Man sollte sich bei diesem Weglassen eben nicht leiten lassen von irgendwelchen Komfortansprüchen oder irgendwelchen gut gemeinten Ratschlägen, sondern wirklich: Gibt es ohne diesen Gegenstand ein lebensbedrohliches Problem? Und nein, es gibt kein lebensbedrohliches Problem, wenn du deinen Kamm Zuhause lässt und nur eine Unterhose einpackst. Das sind Luxusgegenstände, die kann man mitnehmen, aber muss man nicht. Und die sollte man auch nicht mitnehmen, wenn man auf die fünf Kilo will. Damit fällt dann schon mal das meiste raus. Dann kommt der dritte Schritt, der heißt Abschneiden. Jetzt habe ich einen tollen Rucksack, den habe ich seit hundert Jahren und der ist aber eigentlich zu schwer. Jetzt, nur weil der Hersteller da jetzt irgendwie fünf Schnallen und zehn Riemen drangenäht hat, heißt das ja nicht, dass ich die auch brauche. Das heißt, ich trimme alles ab, was ich nicht brauche. Es geht bei mir so weit, dass ich mir die Zahnbürste absäge und die Etiketten aus der Kleidung trennen. Und erst dann, wenn ich dann immer noch nicht bei meinen fünf Kilo bin, dann kommt wirklich Schritt 4, der da heißt Austauschen, also wirklich spezielle Ausrüstung kaufen. Und da sind wir dann zum Beispiel bei Sachen wie: Mit einem Zweiwand-Expeditionszelt für die Arktis komme ich jetzt natürlich nicht auf fünf Kilo Ausrüstungsgewicht. Das heißt, da würde ich mir ein spezielles Ultraleichtzelt kaufen müssen oder eine spezielle Isomatte, die besonders leicht ist. Oder ich habe zum Beispiel keinen Schlafsack, sondern ich habe einen Quillt, das ist eine Art Decke, die man dann in einer Fußbox verschließen kann. So Sachen, da kauft man dann eben spezielle Ausrüstung. Aber erst im letzten Schritt.

[00:12:29] Lenne Kaffka Jetzt sparst du natürlich auch gerade beim Schlafen an Komfort. Wie ist das, wenn man nur fünf, sieben oder 14 Tage wandert, ist es dann auch schon so wichtig, aufs Gewicht zu achten? Oder geht dann nicht doch vielleicht das Zweiwandzelt?

[00:12:39] Christine Thürmer Nee, das hat weniger was mit der Zeit zu tun, sondern einfach und jetzt kommt wieder was ganz essenziell ist, was man sich vor so einer Wanderung fragen sollte: Was ist für mich wichtig? Ist für mich Wandern wichtig oder das Zelten? Ich versuche, es mal ein bisschen zu erklären. Das sind zwei Extreme. Also, ich bin jemand, der sagt, okay, ich bin dezidierter Wanderer. Warum ich das mache? Ich will unterwegs sein. Ich will laufen. Und auf dieses Laufen oder Wandern richte ich alles aus. Und wenn ich da erfolgreich sein will, muss ich so wenig wie möglich mittragen, weil es läuft sich einfach viel angenehmer mit fünf Kilo auf dem Rücken als mit zehn. Auf der anderen Seite der Skala sind dann die Camper oder die Zelter. Das sind Menschen, die sagen, Wandern ist für mich ein notwendiges Übel. Das dient eigentlich nur dazu, dass ich an irgendeinen schönen Ort komme, wo ich dann eine schöne Zeit habe und mein Zelt aufschlage und Lagerfeuer mache, und mich mit Leuten treffe und angeln gehe oder jage. Für die steht im Vordergrund, dass sie dann an diesem Ort, wo sie sich aufhalten, eine tolle Zeit haben. Und die werden dann natürlich nicht auf Gewicht optimieren, sondern auf den Luxus, den sie im Camp haben. Dann würde ich vor jeder Wanderung überlegen: Zu welcher Kategorie gehöre ich? Will ich jetzt wirklich wandern? Dann führt an dieser Gewichtsoptimierung kein Weg dran vorbei. Oder geht es mir wirklich darum, eine tolle Zeit zu haben, wenn ich eben nicht wandere? Dann spielt Gewicht weniger eine Rolle. Und irgendwo würde ich mich dann auf dieser Kategorie einordnen, und dementsprechend optimieren wir dann mehr oder weniger Gewicht.

[00:14:00] Wenn es dir jetzt vor allem ums Wandern geht, sind doch bestimmt auch die Schuhe entscheidend. Müssen es denn da immer diese schweren und teuren Stiefel sein oder sparst du da auch irgendwie an Gewicht?

[00:1409] Christine Thürmer Bei den Schuhen - das ist auch so ein Mythos. Wenn du nämlich in so einen Outdoorladen gehst und sagst, du möchtest eine lange Wanderung machen, dann werden die versuchen, dir Wanderstiefel aufzuschwatzen. Das ist das Allerletzte, was jemand wie ich als Profi-Wanderer verwenden würde, also wirklich jemand, der das ernsthaft betreibt. All diese Langstreckenwanderer laufen in sogenannten leichten Trailrunningschuhen. Das sind im Prinzip ein Paar bessere Turnschuhe. Die haben nämlich gegenüber Bergstiefeln drei ganz entscheidende Vorteile. Erstens sind sie ja aus Mesh-Gewebe und dadurch trocknen die unheimlich schnell wieder. Das heißt, wenn meine Lederstiefel mal nass geworden sind, dann dauert es ewig, bis sie wieder trocknen. Und in der Zeit holst du dir sehr leicht Blasen. Zweiter Grund ist: Trailrunningschuhe sind sehr viel leichter als Bergstiefel oder Wanderstiefel, du musst das Gewicht der Schuhe ja mit jedem Schritt heben, und das braucht unheimlich viel Energie. Das heißt, du ermüdest weniger, wenn du leichte Schuhe hast. Und der dritte Grund - das ist der eigentlich entscheidende: Wenn die im Outdoorladen argumentieren, du brauchst knöchelhohe Stiefel, damit du nicht umknickst, damit der Fuß geschützt ist. So ein Bergwanderstiefel, der funktioniert wie ein Korsett. Der zwingt einen Fuß dann bei jedem Schritt alle diese Bewegungen zu machen. Und bei dieser Bewegung belastest du dann immer dieselben Sehnen, Muskeln, Hautpartien. Und was ist das Ergebnis? Du ermüdest sehr schnell und vor allem kriegst du sehr schnell Blasen. Und Trailrunningschuhe haben eben eine sehr flexible Sohle. Das heißt, so kommst du auf natürlichem Untergrund immer ein bisschen anders auf, belastet andere Hautpartien, andere Muskeln, Sehnen, ermüdest weniger und kommst auf einen Schnitt von gerade mal einer Blase auf 5.000 Kilometer.

[00:15:39] Lenne Kaffka Aber je höher man kommt, desto unebener werden auch die Wanderwege. Dann geht es doch oft mal über Felsen, über Steine, durch tiefen Matsch. Das funktioniert auch mit den Trailrunningschuhen?

[00:15:51] Christine Thürmer Ja, ich habe die kompletten Alpen, die kompletten Pyrenäen, alles in diesen Trailrunningschuhen bewältigt. Aber ich muss dazu sagen: Ich bin Wanderin. Ich mache jetzt keine Klettersteige, ich mache kein Bergsteigen, ich wandere. Solange ich auf Wanderwegen unterwegs bin, also was als Wanderweg markiert ist, komme ich überall mit diesen Trailrunningschuhen wunderbar durch.

[00:16:09] Lenne Kaffka Ich würde ja auch denken, dass man mit einem Smartphone ziemlich gut Gewicht sparen kann, weil das ist Navi, Taschenlampe, MP3-Player, Fotoapparat, alles Mögliche. Wie siehst du das? Gehörst du zu den Leuten, die sagen, och nee, ich bin ja in der Natur, ich will auf Technik verzichten oder nutze das extrem viel.

[00:16:23] Christine Thürmer Das ist ein sehr gutes Stichwort. Das ist ein Mythos, den ich immer total zerstören muss. Man glaubt ja immer, man muss in der Natur halt den Naturgeräuschen lauschen und darf sich nicht ablenken lassen. Alle wollen Digital Detox machen. Und das ist ja auch wirklich toll, wenn man jetzt nur mal aus dem gestressten Alltag für ein, zwei Tage rausgeht. Dann hast du Recht, dann will ich das auch so machen. Da will ich jetzt nicht unbedingt aufs Handy achten. Aber wenn du so lange unterwegs bist wie ich, dann ist wirklich das Handy, das Smartphone die Nabelschnur zur Welt. Das heißt, wenn irgendwas mit dem Handy ist, werde ich ganz kribbelig. Das ist wirklich mein großer, nicht nur Luxus, sondern auch wirklich notwendiger Gegenstand. Das ist meine einzige Kamera. Ich nehme natürlich keine extra Spiegelreflex mit, weil das würde ja auch wieder etwas wiegen. Da kriege ich mein Wetterbericht drüber, ich kann mit Leuten telefonieren und vor allen Dingen, habe ich mein Unterhaltungsprogramm auf dem Handy. Denn das ist auch so ein Mythos. Unterwegs ist eben nicht immer alles toll. Es gibt auf jeder Langstreckenwanderung irgendwelche Durststrecken, wo man eben genervt ist oder die Landschaft nicht so toll ist, oder die Füße tun weh, oder es regnet. Und dann ist es einfach super, wenn man so ein bisschen Unterhaltung dabei hat. Also entweder in Form von Musik oder ich höre ganz viele Podcasts oder eben Hörbücher. Selbst wenn ich jetzt, vier oder fünf Stunden am Tag Hörbücher oder Podcasts höre, dann habe ich ja immer noch 20 Stunden Zeit, um den Blättern im Wind und den röhrenden Hirschen zu lauschen. Also Naturgeräusche habe ich trotzdem noch genug.

[00:17:39] Lenne Kaffka Wie ist das denn überhaupt, nimmst du auch irgendwelches Notfallzeug mit? Eine Reiseapotheke hast du angesprochen. Hast du irgendwelche Ersatzteile mit? Flickzeug?

[00:17:48] Christine Thürmer Ja, es gibt ja alles multitaskingfähig. Ein kleiner Lifehack: Ganz wichtig ist Zahnseide - da freut sich auch mein Zahnarzt. Also nicht nur für die Zahnhygiene, sondern Zahnseide ist super zum Nähen, weil es natürlich viel robuster und reißfester ist als normales Nähgarn. Damit kann man Schuhe nähen oder Löcher in den Hosen oder, oder... Zahnseide hat man dann immer dabei, so als Notfall-Equipment. Dann habe ich zum Beispiel auch zum Reparieren ein bisschen so Panzerband dabei. Da kann man dann irgendwie Löcher in Zelten flicken oder auf Regenjacken. Und damit ich nicht eine riesen Rolle Panzerband mittragen muss, habe ich das um meine Treckkingstöcke gewickelt, ein paar Zentimeter, dass ich da immer meinen Ersatzflicken dabeihabe. Es gibt auch eine kleine Notfall-Apotheke, die ist aber wirklich sehr, sehr übersichtlich, weil ich bin ja nun kein Arzt, und es nützt mir nix, wenn ich jetzt medizinisches Zeug dabei habe, weil ich könnte sowieso keine Wunde steril draußen nähen. Das heißt, ich brauche es auch gar nicht mit rumschleppen. Und meine Reiseapotheke ist sehr überschaubar, mit ein paar Pflastern, einer Mullbinde und ein paar Ibuprofen. Und wenn was Schlimmes passiert, dann kommt das Handy zum Einsatz. Dann muss ich halt eben Hilfe holen oder mich in die Zivilisation schleppen.

[00:18:59] Lenne Kaffka Wenn ich unterwegs bin, wandern, beschäftigen mich immer zwei Sachen, besonders: essen und trinken. Wie viel nimmst du denn an Essen für eine Woche mit? Das macht den Rucksack ja echt viel schwerer.

[00:19:10] Christine Thürmer Also zum Essen: Ich esse, was es unterwegs eben zu kaufen gibt. Und das sieht in der Regel bei mir so aus: Mein Tag beginnt mit einem halben Pfund Müsli, angerührt mit kaltem Wasser. Es gibt keinen Kaffee und keinen Tee, weil das kostet nur Gewicht, weil er Brennstoff trägt, aber keine Kalorien. Deswegen kaltes Wasser. Zum Mittag und zum Abendessen gibts dann halt je ein Tütengericht und über den Tag verteilt gibt es 400 Gramm Snacks, und das sind in der Regel Schokolade oder Kekse, Gummibärchen oder halt Nüsse. Der Kalorienbedarf geht ja hoch auf 5.000 Kalorien am Tag und dann kann man sich schon mal eine Tafel Schokolade mehr gönnen als sonst.

[00:19:45] Lenne Kaffka Dein Speiseplan klingt dann aber so, als ob sie weniger um gesunde Ernährung geht, sondern mehr ums Kalorien-Gewicht-Verhältnis.

[00:19:50] Christine Thürmer Genau, ganz eindeutig geht es um das Kalorien-Gewichtsverhältnis. Bei Langstreckenwanderern ist es so wie in der Bibel, wie im Alten Testament: Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tage sollst du ruhen. Man macht im Schnitt einmal die Woche, also alle sechs bis neun Tage, macht man mal einen Ruhetag, den verbringt man in der Stadt. Und der Stadtbesuch führt mich als allererstes immer in den Supermarkt, und da schlägt dann mein Körper wie so eine Kompassnadel genau dahin gehend aus, was ich gerade am liebsten essen möchte. Und bei mir ist es in der Regel das Obst- und Gemüseregal oder die Kühltheke mit den Milchprodukten. Das heißt, man hat als gut genährte Westeuropäer auch keine Mangelerscheinungen zu erwarten, weil man hat ja einmal die Woche Vitamin-Nachschub und kriegt also auch die Stoffe, die man braucht.

[00:20:30] Lenne Kaffka Wie sieht es denn mit Trinken aus? Wie kommst du unterwegs an Wasser? Und woher weißt du, ob das Wasser, das du findest, auch wirklich trinkbar ist?

[00:20:38] Christine Thürmer Hier muss man unterscheiden, ob man jetzt in Deutschland oder in Europa unterwegs ist oder wirklich in der Wildnis. In Europa, das ist so dicht besiedelt, dass man eigentlich in der Regel einmal am Tag mindestens durch die Zivilisation kommt und da eine vom Menschen geschaffene Wasserquelle hat, also zu gut Deutsch einen Wasserhahn. Der heißeste Tipp dabei in Deutschland sind Friedhöfe. Da gibt es immer einen Wasserhahn für die Grabpflege. Das heißt, ich versuche, meine Mittagspause immer so zu legen, dass ich an einem Friedhof vorbeikomme und dann da Wasser zapfen kann. Oder es gibt sonst irgendwie einen Wasserhahn auf öffentlichen Toiletten. Da ist man in der Regel eigentlich nicht auf natürliche Quellen angewiesen. Oder es gibt im Wald eine gefasste Quelle. Wenn man jetzt tatsächlich in der Wildnis ist und dort Wasser braucht, dafür habe ich immer Wasser-Desinfektion dabei. Das heißt, man kann das Wasser entweder filtern, wobei ein Filter aus meiner Sicht relativ unzuverlässig ist und er wiegt auch relativ viel, der kann kaputtgehen. Das heißt, ich behandele mein Wasser mit Chemie, um es dann keimfrei zu machen, dass ich es trinken kann.

[00:21:37] Lenne Kaffka Sind das dann diese Chlortabletten, wo das Wasser dann immer so ein bisschen schmeckt, wie das Schwimmbad riecht?

[00:21:40] Christine Thürmer Ja, genau. Es gibt so unterschiedliche Methoden. Was du ansprichst sind chloridhaltige Tabletten, das ist der Schwimmbad-Effekt, das schmeckt auch nicht so lecker. Aber es gibt zum Beispiel auch Chlordioxid, das ist ein Gas, das mit der chemischen Reaktion desinfiziert. Das ist tatsächlich geschmacksneutral. Es gibt verschiedene Mittel, wie man das behandeln kann.

[00:21:59] Lenne Kaffka Wie finde ich denn eigentlich eine Route, die wirklich zu mir passt? Welche Fragen sollte ich mir vielleicht vor meiner Tour stellen?

[00:22:05] Christine Thürmer Das ist jetzt wirklich eine sehr gute Frage, die mir auch immer sehr am Herzen liegt. Wenn man nämlich Leute unterwegs fragt, hey, wie habt ihr eure Wanderroute ausgewählt? Dann kommt in der Regel immer nur ein Argument, nämlich Landschaft oder weil der Nachbar das gelaufen ist. Oder weil ich da tolle Fotos auf Instagram geguckt habe, oder, oder, oder. Bei populären Wanderwegen entsteht so eine Art positive Popularitätsspirale. Wanderwege werden durch Weiterempfehlungen, vor allen Dingen auch auf Social Media immer weiterempfohlen und damit immer populärer. Das führt dann zu überfüllten Wanderwegen und vor allen Dingen dazu, dass man eventuell einen Weg erwischt, der einfach gar nicht selber zu einem passt. Denn: Je länger man unterwegs ist, desto wichtiger wird es, dass die Route in ganz vielen Faktoren genau den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Und das ist eben nicht nur dieses relativ subjektive Bedürfnis nach einer tollen Landschaft, weil über Geschmack lässt sich streiten. Was ist eine tolle Landschaft? Sondern es sind auch vor allen Dingen ganz profane Dinge wie, passt das überhaupt zu meinem Budget? Oder passen die klimatischen Bedingungen auch zu dem, was ich gut vertragen kann? Oder will ich jetzt wirklich in die Wildnis, oder bin ich eigentlich eher ein Kulturfan? Oder will ich jetzt wirklich irgendwie zwei Monate am Stück zelten? Oder bin ich lieber jemand, der gerne mal öfters ins Hotel geht? Und dementsprechend würde ich mir überlegen, was sind wirklich meine persönlichen Bedürfnisse im Hinblick auf all diese Faktoren? Und dann erst überlegen, welche Wanderung in welchem Land, in welcher Klimazone passt denn eigentlich dazu?

[00:23:30] Lenne Kaffka Wenn ich aber zum Beispiel im Netz nach Wanderrouten suche, dann sind da oft irgendwelche Schwierigkeitsgrade angegeben - drei von fünf Sternen. Woher weiß ich, ob ich der Zwei oder Vier-Sterne-Typ bin, geradeso als Anfänger? Worauf sollte ich vielleicht achten, dass ich dann auch eine mehrtägige Wanderung finde, die zu meinem Fitnessgrad und zu dem, was ich mir zutraue, wirklich passt?

[00:23:50] Christine Thürmer Diese Schwierigkeitsgrade, da muss ich immer lächeln drüber. Weil solange das nicht auf irgendwelche Klettersteige geht, sondern dass man wirklich wandert, ist der Schwierigkeitsgrad eigentlich völlig wurscht. Das schafft man als normal trainierter Mensch. Es ist halt einmal ein bisschen anstrengend, ein bisschen mehr die Berge hochgeht oder halt einfacher, weil es flach ist. Aber davon würde ich mich jetzt nicht abbringen lassen.

[00:24:09] Lenne Kaffka Aber das heißt zum Beispiel auf so etwas achten, ob da steht, dass da Kletterpassagen enthalten sind.

Wandern: Tipps fürs Rucksackpacken, Schuhe, Ausrüstung

[00:24:14] Christine Thürmer Genau, das würde ich schon beachten, aber ansonsten, ob da jetzt ein oder fünf Sterne stehen, das ist eigentlich relativ wurscht. Viel wichtiger ist, wie oft man Zivilisationskontakt hat. Das wiederum beinhaltet, wie viel Proviant muss ich rumschleppen? Wenn ich durch Deutschland wandere, ist es in der Regel sowieso unproblematisch. Da komme ich eigentlich jeden Tag an einem Supermarkt vorbei. Aber wenn ich jetzt wirklich so eine Bergwanderung mache und ich komme halt nur einmal die Woche irgendwie ins Tal, heißt das dann im schlimmsten Fall, ich muss dann für eine Woche Proviant tragen. Und das wiederum schlägt sich dann schon sehr auf den Komfort nieder. Wie oft komme ich an Wasser vorbei?

[00:24:47] Lenne Kaffka Wie ist das denn eigentlich? Wie viele Kilometer sollte man so am Tag einplanen? Was hältst du da für realistisch?

[00:24:52] Christine Thürmer Es gibt da kein richtig oder falsch, und vor allen Dingen gilt nicht, dass schneller besser ist. Das ist nämlich einer der Standardfehler, den ganz viele Leute, gerade Anfänger, machen, dass sie glauben, man müsse das möglichst schnell bewältigen. Das ist ja Quatsch. Mir macht das Spaß. Warum soll ich so schnell wie möglich fertig werden? Ich will das ja ausnutzen. Das heißt, wenn man zu zweit oder in der Gruppe unterwegs ist, sollte man sich nicht durch schneller Gehende dazu verleiten lassen, über das eigene Tempo zu gehen. Das ist der häufigste Grund, dass die Leute psychologische oder auch körperliche Überlastungserscheinungen bekommen, weil sie einfach schneller gehen, als ihnen guttut. Es ist eigentlich völlig wurscht, egal, wie lange man geht. Wenn einem das Spaß macht, nur 20 Kilometer zu gehen, dann gibt es eben nur 20 Kilometer. Was man wirklich gut schafft, wenn man in diesem Flow drin ist und wenn das Gelände nicht allzu schwierig ist, dann laufe ich im Schnitt 30 bis 35 Kilometer am Tag.

[00:25:41] Lenne Kaffka Es klang jetzt auch so ein bisschen so, als würdest du im Zweifel lieber allein gehen als in der Gruppe und sich vielleicht abends einfach wieder treffen in irgendeinem Ort.

[00:25:48] Christine Thürmer Also nicht nur im Zweifel. Ich geh aus Überzeugung immer alleine, weil diese lange Distanzen schaffst du halt nur, wenn du konsequent dein eigenes Tempo und vor allen Dingen auch deinen eigenen Stil gehst. Das hört sich jetzt so affig an, als ob man sich jetzt darüber streitet, ob man jetzt jede Stunde eine Pause macht oder lieber nur zwei große Pausen am Tag. Das ist über zwei Tage kein Problem, aber über Monate hinweg kannst du darüber wirklich zerstreiten bis an dein Lebensende. Weil du halt so reduziert bist, dass so kleine Sachen einfach total wichtig werden. Und weil es ausgesprochen schwierig ist, jemanden zu finden, der exakt dasselbe Tempo und auch exakt denselben Stil geht, würde ich immer sagen, geht lieber alleine, als dass ihr euch irgendwie mit jemanden rumquält, wo es eben nicht passt. Und dann habt ihr beide keinen Spaß daran, weil du triffst unterwegs in der Regel, auf beliebten Wanderwegen sowieso, genug Leute. Also alleine wirst du nicht sein.

[00:26:32] Lenne Kaffka Wenn man allein unterwegs ist, dann sollte man sich ja zumindest ein bisschen orientieren können. Wie ist das eigentlich? Was würdest du Anfängern raten? Gerade in Deutschland und in Europa gibt es ja viele markierte Wege. Sollte man damit anfangen? Oder kann man sich auch ruhig als Anfänger abseits der ausgetretenen Pfade bewegen? Vielleicht irgendwie mit GPS selber irgendwo lang navigieren?

[00:26:49] Christine Thürmer Also ganz klar: Als Anfänger würde ich in Deutschland einfach auf einen markierten Premium- oder Qualitätswanderweg gehen. Da kann man einfach nicht viel falsch machen. Ich würde versuchen, möglichst viele Störfaktoren von vornherein auszuschalten, gerade wenn das jetzt die erste Tour ist.

[00:27:02] Es wird ja noch genug Probleme geben, dass einem irgendwann die Füße wehtun oder man Hunger kriegt. Und da will ich nicht noch irgendwie das Problem dazu schaffen, dass ich mich irgendwie verlaufen habe. Ich würde auch nicht versuchen, am Anfang jetzt gleich irgendwie auf meiner allerersten Tour Cross-Country durch das norwegische Fjeld zum Nordkap zu laufen. Das kann man dann auf der Tour zwei machen, aber ich würde nicht am Anfang versuchen, alle Probleme auf einmal zu bewältigen. Mit Navigation ist es mittlerweile ja auch kein großes Problem mehr, weil jeder hat ja sein Navigationsgerät in der Hosentasche, nämlich auf dem Handy. Alle modernen Smartphones haben einen GPS-Empfänger eingebaut, und damit kann man mit kostenlosen OpenStreetMap-Karten sich wirklich super tolle Kartengrundlage aufs Handy kostenlos runterladen und damit dann wunderbar navigieren, wenn es drauf ankommt. Also, ich navigiere nur und ausschließlich digital, weil natürlich Papierkarten bei der Länge meiner Touren einfach viel zu schwer und zu teuer werden. Das heißt, ich navigieren mit dem GPS-Gerät um den als und als Back-up dasselbe nochmal auf dem Smartphone.

[00:27:59] Lenne Kaffka Jetzt hast du schon gesagt, in Deutschland es ganz viele markierte, schöne Wanderwege, Premiumwanderwege. Diesen Sommer bleiben viele Leute in Deutschland und machen hier Urlaub. Was wäre denn eine schöne Tour, die du vielleicht empfehlen würdest, so als Einstiegstour von vielleicht ein, zwei Wochen?

[00:28:14] Christine Thürmer Es gibt in Deutschland sogenannte 14 "Top Trails of Germany". Das ist eigentlich so ein Marketingding...

[00:28:22] Lenne Kaffka Wollte ich gerade, sagen, das klingt nach Marketing!

[00:28:23] Christine Thürmer Genau, aber das sind eben alles wunderbar zertifizierte - also die Deutschen zertifizieren sogar ihre Wanderwege - das sind also zertifizierte Premium- und Qualitätswanderwege. Und die sind so gut ausgeschildert, da kann man einfach wirklich nichts verkehrt machen. Und die ziehen sich von Niedersachsen bis nach Bayern. Es gibt in jedem Bundesland da war, und da würde ich einfach den passenden aussuchen. Man kann in Deutschland bei diesem Premium- und Qualitätswanderwegen einfach nichts falsch machen. Die sind einfach alle wirklich auf ihre Art irgendwie schön. Mein persönlicher Favorit in der Hinsicht ist der Albsteig. Das sagt schon, wo der lang führt. Da läuft man immer auf der Alb drauf, auf der Schwäbischen Alb entlang und hat immer wunderbare Ausblicke. Das ist großartig. Der hat auch aus meiner Sicht die gefühlt höchste Dichte an Burgen und Schlössern auf einem deutschen Wanderweg. Also der hat mir persönlich am meisten Spaß gemacht.

[00:29:16] Lenne Kaffka Die Route, die zu einem passt, hängt auch ein bisschen davon ab, wie und wo man schlafen will. Du zeltest gern wild - in Deutschland ist das doch wahrscheinlich problematisch, oder?

[00:29:23] Christine Thürmer Es kommt darauf an, wie gesetzestreu man unterwegs sein will. Um es vorwegzunehmen: In Europa ist, ausgenommen Skandinavien und einige wenige andere Länder, wild zelten in der Regel mehr oder minder illegal. Ich sage deswegen mehr oder minder, weil das ist sehr unterschiedlich restriktiv gehandhabt. Da wird unterschieden zwischen Lagern, Biwakieren und Zelten. Und dann gibt es noch Regelungen in den Alpen über Baumgrenze und in welcher Entfernung von Hütten, aber im Prinzip im Notfall kann man davon ausgehen, dass es eigentlich nicht erlaubt ist. Und das finde ich persönlich auch gut so, weil wenn es nämlich offiziell erlaubt wäre, wären die schönsten Spotts hier total vermüllt, und überall würden Leute rumliegen. Also, ich finde da diese Regelung schon gut. Das heißt aber nicht, wenn man das trotzdem macht und trotzdem diskret wild zeltet, dass es dann Probleme gibt - denn wo kein Richter, da kein Kläger. Und wenn man sich an Regeln hält, gibt es da auch praktisch keine Probleme.

[00:30:20] Lenne Kaffka Wie lauten die Regeln?

[00:30:21] Christine Thürmer Ganz einfach: Schlage dein Zelt erst bei Sonnenuntergang auf und sei bei Sonnenaufgang wieder weg. Das heißt, man wartet bis die ganzen Hunde-Gassi-Geher und Jogger weg sind und ist dann vor den Waldarbeitern wieder unterwegs.

[00:30:32] Lenne Kaffka Übersetzt: Lass dich nicht erwischen!

[00:30:34] Christine Thürmer Lass dich nicht erwischen und verstecke dich auch so, dass man dich eben nicht sieht. Die zweite Regel ist: Mach kein Feuer, weil ganz klar, da ist einfach Waldbrandgefahr. Und ganz ehrlich, auch ich wäre als Wald- oder Grundbesitzer total erbost und würde sofort die Polizei holen, wenn auf meinem Grundstück einer Feuer macht. Und die dritte Regel - auch logisch: Hinterlasse kein Müll. Das heißt, wenn ich morgens bei Sonnenaufgang los wandere, siehst du diesem Platz nicht an, dass ich da gezeltet habe. Und mit diesen drei Regeln hatte ich wirklich noch nie Probleme.

[00:31:05] Lenne Kaffka Wie ist denn das? Aber dann zeltest du ja nicht immer, sondern dann schläfst du vielleicht auch in Hütten oder was sind denn sonst noch so Unterkünfte, die du nutzt?

[00:31:11] Christine Thürmer Ich zelte tatsächlich wirklich immer, ausgenommen meinen Ruhetag in der Stadt. Da bin ich dann im Hotel, oder bei Lesern von mir, die mich einladen oder eine Herberge. Aber wenn ich jetzt wirklich auf Tour bin und nicht Ruhetag hab, dann zelte ich tatsächlich immer. In Hütten gehe ich prinzipiell nicht, weil ich einfach nicht mit Leuten, die schnarchen, in einem im Schlafsaal auf der Hütte übernachten kann.

[00:31:31] Lenne Kaffka Ist denn überhaupt in diesem Sommer eine Hüttenwanderung möglich? Ich meine, wie sind da die Hygienevorschriften? Da pennen ja oft irgendwie in so einem Raum zig Leute.

[00:31:38] Christine Thürmer Ja, die Hütten haben unter verschiedenen Hygienekonzepten in der Regel wieder aufgemacht. Du musst dich dann halt voranmelden und die lassen halt dann auch weniger Leute rein. Aber das ist in Deutschland auch kein Problem. In Deutschland sind die klassischen Wanderungen, die ich jetzt empfohlen habe, diese 'Top Trails of Germany', da bist du nicht im Gebirge, sondern da wanderst du irgendwie durch Bayern oder Baden-Württemberg. Da kannst du auch, wenn du jetzt nicht wie ich zelten möchtest, einfach von Pension zu Pension wandern.

[00:32:01] Lenne Kaffka Wir haben jetzt ja schon viel über die schönen Seiten des Wanderns gesprochen. Aber es gibt ja auch ziemlich viel, was beim Wandern richtig nerven kann. Auch dein Buch ist teilweise recht desillusionierend. Du schreibst zum Beispiel: "Meine Wanderkollegen haben in der Regel seit Tagen nicht geduscht, tragen zerschlissene Klamotten und laufen mit Kopfhörern im Ohr fast immer alleine". Klingt irgendwie ganz anders als das, was ich bei Instagram sehe, in Outdoorgeschäften... Wie leidensfähig muss man denn sein, wenn man so eine Tour überstehen will?

[00:32:28] Christine Thürmer Es war wirklich einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Ich wollte ja auch bestimmte Sachen entmystifizieren, weil das auch einer der häufigsten Abbruchgründe ist. Die Menschen haben so ein bestimmtes Bild, was eben in der Werbung geprägt ist. Also dass die Leute alle frisch geduscht mit tollen, poppigen Outdoorklamotten, den röhrenden Hirschen lauschend, durch die Gegend marschieren. Und sind dann eben total genervt, wenn das eben nicht der Fall ist. Und wenn man das aber vorher weiß, dann hat man diese Illusion gar nicht und ist dann auch nicht enttäuscht, wenn es nicht so ist. Das Hauptproblem unterwegs ist, das, was am schwierigsten zu verknusen ist, darauf kommt man auch in der Regel eher selten. Das ist eben nicht, dass man jetzt Muskelkater hat - der legt sich sehr schnell. Man gewöhnt sich auch an das schlechte Essen und Trinken. Das Hauptproblem ist, um es mal ganz plakativ zu sagen, das Leben im Dreck. Weil unterwegs passiert ja alles, was ich tue auf dem Erdboden. Ich schlafe dort, ich wasche mich dort, ich koche dort, ich esse dort. Früher oder später bist du einfach eingesaugt und verdreckt. Das ist das Schwierigste. Das muss man sich vor Augen halten, dass man da durch muss und dass man da so ein bisschen auch Abstriche machen muss von den normalen Vorstellungen, wie man eben riechen und sauber sein möchte. Das kann man eben halt nicht immer auf so einer Wanderung durchziehen.

[00:33:36] Lenne Kaffka Meine eigene Erfahrung ist auch, dass beim Wandern eigentlich immer irgendwas feucht ist, weil es regnet, weil man schwitzt, weil irgendwas ausläuft. Wie gelingt dir eigentlich, dass du selbst bei Regen oder bei Unwetter immer noch irgendetwas Trockenes hast?

[00:33:50] Christine Thürmer Es gibt Sachen, die haben Wanderer immer dabei, auch wenn sie sehr unromantisch klingen. Und ich wandere immer mit Müllsack. Der Müllsack ist dein Freund, ich habe sogar immer zwei dabei. Die richtig schweren, die für die Gartenabfälle. Die haben zwei Funktionen: die erste ist, das ist mein Regenliner für den Rucksack.

[00:34:10] Lenne Kaffka Also auch wieder eine günstige Lösung.

[00:34:10] Christine Thürmer Genau, ich habe immer einigermaßen günstige Lösungen. Du nimmst einfach diesen Müllsack, packst ihn in den Rucksack rein, und da kommt deine ganze Ausrüstung rein, weil der ist dann eben dicht. Den zweiten Müllsack verwende ich als Regenrock. Ich habe nämlich keine Regenhose, die wäre wieder zu schwer, ist auch relativ teuer und vor allen Dingen ist die nicht gut belüftet. In so einer Regenhose, das fühlt sich an wie so ein Brathähnchen im Bratschlauch. Wenn das dann warm ist und du den Berg hochlaufen musst - du schwitzt unwahrscheinlich, und gerade in der Körpermitte führt Schwitzen dazu, dass man sich einen Wolf läuft. Das ist sehr unangenehm. Du hast dann diese Hautaufreibungen, weil feuchte Haut auf Haut reibt. Und das umgehst du, in dem du einen Regenrock nimmst, der nach unten offen ist - also bessere Belüftung. Und nichts bietet sich da so gut an wie einfach einen Müllsack. Da machst du noch irgendwie noch sexy Schlitze rein, damit du einen großen Schritt machen kannst und das sieht dann einfach unglaublich schick aus und dann hast du deinen Rock für irgendwie ein paar Cent.

[00:35:03] Lenne Kaffka Wir haben am Anfang über die vermeintlichen Hinderungsgründe gesprochen und einen haben wir bisher noch nicht erwähnt: Was ist denn mit den Risiken? Ist so eine längere Wanderung wirklich gefährlich?

[00:35:12] Christine Thürmer In welcher Hinsicht gefährlich? Wo sollte die Gefahr liegen?

[00:35:16] Lenne Kaffka Wenn du alleine unterwegs bist und umknickst? Wahrscheinlich haben viele Menschen Angst vor wilden Tieren. Was ist mit einem Gewitter? Solche Dinge, denke ich mal.

[00:35:25] Christine Thürmer Also, wir reden hier vom Wandern. Wir reden jetzt nicht von Klettern oder Hochgebirgstouren. Also erstens hast du in Deutschland in der Regel zumindest so viel Handy-Empfang, dass du einen Notruf absetzen kannst. Dass du jetzt irgendwo in einer tiefen Schlucht liegst und keiner dein Rufen hört oder sonst was passiert - das kannst du einfach mal vergessen, das passiert in Deutschland nicht. Dafür sind wir hier viel zu dicht bevölkert. Also wenn du umknickst, dann kannst du immer noch irgendwo hin humpeln oder den Notruf wählen. Das ist einfach übertrieben. Du hast in Deutschland auch keine wilden Tiere, die dir gefährlich werden können. Das gefährlichste Tier in Deutschland ist die Zecke, weil du dir damit Borreliose holen kannst. Aber es gibt nichts, was dir irgendwie ernsthaft etwas antun kann.

[00:36:00] Christine Thürmer Ist dir denn wirklich auf den 50.000 Kilometern noch nichts Ernsthaftes passiert?

[00:36:05] Christine Thürmer Ja, ich kann gleich erzählen, was mir passiert ist, aber um das vorwegzuschicken: Ich mache das seit zehn Jahren. Diese 50.000 Kilometer sind in zwölf Jahren zusammen gewandert und in diesen zwölf Jahren hat der normale Deutsche halt auch mal irgendwie einen Auffahrunfall im Auto, oder, was weiß ich, jetzt beim Skifahren ist irgendwie was schiefgegangen. Ich will sagen, das Leben ist nicht ohne Risiken. Wie mir beim Laufen in der Stadt irgendwie Blumentopf auf den Kopf fallen kann, kann mir auch auf meinen Wanderungen was passieren. Meine schlimmsten Unfälle unterwegs waren tatsächlich, dass mich einmal in Schweden ein Hund gebissen hat, und das Zweite ist, dass ich in eine unterirdische Höhle mal eingebrochen bin. Das war so Marke Blumentopf - das kann passieren, muss nicht, ist mir halt passiert. Aber ich bin ja auch gut wieder rausgekommen.

[00:36:45] Lenne Kaffka Als ich meine erste Mehrtageswanderung mit ein paar Höhenmetern geschafft habe, war ich am Ende eigentlich ziemlich stolz auf mich, auch wenn es lächerlich war im Vergleich zu dem, was du so machst. Ich glaube, es waren irgendwie hundert Kilometer in vier Tagen. Kennst du solche Gefühle noch nach diesen zigtausend Kilometern, die du gewandert bist?

[00:37:00] Christine Thürmer Ja, klar. Warum macht man das mit dem Wandern? Als Erste war ja diese Senkung der Glücksschwelle durch die Reduktion auf das Minimum. Das Zweite ist einfach dieses unwahrscheinliche Selbstvertrauen, was du bekommst. Also ich weiß noch, nach meiner allerersten Wanderung, die war ja gleich Mexiko-Kanada, bin ich auf dem Weg zurück nach Deutschland - ich war ja dann arbeitslos - ich flog dann nach Deutschland, wusste, ich muss jetzt irgendwie Jobs suchen. Und diese Flugstrecke führte mich über das, was ich gerade gewandert war. Ich hatte einen Fensterplatz und guckte runter und es dauerte zweieinhalb Stunden, bis das Flugzeug dann endlich wieder da in Südkalifornien ankam und zweieinhalb Stunden bin ich über das geflogen, was ich in fünf Monaten gewandert war. Ich saß d dann nur noch da und dachte, dass alles bist du gelaufen war. Wie so ein Gefühl, unbesiegbar zu sein. Das hast du geschafft! Du bist durch ein ganzes Land gewandert, mit Schneestürmen und Bären und weiß der Teufel was noch alles! Was erschreckt mich denn da irgendwie doch eine Jobsuche?

[00:37:54] Lenne Kaffka Schon so eine mentale Stärke, die du dadurch kriegst.

[00:37:58] Christine Thürmer Total, total.

[00:37:58] Lenne Kaffka Hat sich auch irgendwas in Bezug auf dein Körpergefühl verändert? Ich meine, du hast dich ja durch die halbe Welt quasi selber getragen.

[00:38:03] Christine Thürmer Das ist auch ein interessantes Phänomen. Da muss ich auch wieder einer kleinen Anekdote erzählen. Die Amerikaner haben ja unterschiedliche sogenannte Trail Rituale. Eines dieser Rituale ist, dass man sich am Ende dieser langen Wanderung auszieht und sich dann nackt ablichtet - machen nicht alle, aber viele. Auch von meinen Wanderungen gibt es solche Fotos Kreise meiner Mitwanderer, und ich hatte die da einmal so versonnen angeguckt und stellte fest: Aha, wir sind jetzt alle irgendwie auf der Topform unserer körperlichen Leistungsfähigkeit, also alle braun gebrannt, durchtrainiert und trotzdem hätte da keiner irgendwie auch nur ein Modelwettbewerb gewinnen können oder auch nur im Schwimmbad irgendwelche Blicke auf sich ziehen. Die Herren hatten da alle halb abgeschmolzene Bierbäuche, die Damen alle Cellulite in unterschiedlichen Stadien. Und trotzdem stehen wir dann auf diesen Fotos da und präsentieren also wirklich total stolz die Körper, obwohl ja allen schon sonnenklar ist: Die Cellulite ist ja trotzdem noch da. Aber das interessiert überhaupt keinen Menschen mehr, weil sich das Körperbild total verändert. Also wenn dieser Körper, dich Viereinhalbtausend Kilometer, durch einen halben Kontinent getragen hat, dann ist das völlig wurscht, ob da Cellulite ist oder nicht. Du bist einfach unwahrscheinlich stolz. Weil dieser Stolz auf deinen Körper kommt nicht mehr von außen - "du siehst aber toll aus" -, sondern von dir selber. Dein Körper wird das Instrument zur Erfüllung deiner Träume. Und deswegen ist es dann völlig wurscht, wie du aussiehst. Also, es ist dann wie so ein Schalter, der sich umstellt und du denkst, hey, das ist egal. Klar, du nimmst immer ab bei so einer ganzen Geschichte. Aber es ist dir wirklich wurscht, wie es aussieht, weil du siehst, dieser Körper, der hat es geschafft, dass ich meinen Traum erfüllt habe.

[00:39:35] Lenne Kaffka Ich glaube, ganz nebenbei hast du einen weiteren Einwand entkräftet, weil es klang so, als ob ihr alle zumindest nicht in der Gruppe Anfang 20 wart, oder?

[00:39:42] Christine Thürmer Der älteste Wanderer, der mir da mal untergekommen ist, der ist den Appalachen Trail gewandert, das sind mal locker-flockige Dreieinhalbtausend Kilometer an der amerikanischen Ostküste. Der ist das in einer Saison gegangen und war 82. Wenn jetzt jemand gerade in Ruhestand gegangen ist mit 65, würde ich sagen, vor dir liegt jetzt eine 15-jährige Wanderkarriere.

[00:40:01] Lenne Kaffka Christine, Ich schaue schon immer auf die Uhr, wir sind gleich am Ende unserer Zeit angekommen. Du musst weiterwandern, um dein Tagespensum zu schaffen, hast du mir im Vorgespräch gesagt. Wo geht es heute noch hin für dich?

[00:40:11] Christine Thürmer Ich bin gerade in Konstanz, und ich werde jetzt gleich über die Schweizer Grenze gehen. Heute geht es Richtung Einsiedeln in der Schweiz.

[00:40:18] Lenne Kaffka Du bist noch bis November unterwegs und willst in Sizilien ankommen. Was wäre denn das Schönste, was dir jetzt noch auf deiner weiteren Reise passieren könnte?

[00:40:27] Christine Thürmer Tatsächlich, gibt es unterwegs nicht das Schönste. Unterwegs ist einfach jeder Tag toll. Ich mache ja unterwegs das, zu was ich Lust habe. Es vergeht wirklich kein Tag, an dem ich nicht abends irgendwie auf meiner Isomatte ausstrecke und sage, was für ein toller Tag und wo ich echt vor lauter Glück so "danke" schreien könnte. Es ist wirklich einfach so toll. Ich bin jeden Tag irgendwie glücklich. Wenn ich da einfach schon mal irgendwie ein tolles Stück Pizza bekomme oder mich jemand auf einen Kuchen einlädt oder ich irgendwas besonders Schönes sehe - das reicht mir eigentlich schon, dass ich denke, das war aber ein toller Tag. Das Langstreckenwandern hat mich tatsächlich zu einem einfach glücklicheren Menschen gemacht.

[00:41:05] Lenne Kaffka Und das war's mal wieder mit Smarter leben. Noch mehr praktische Tipps gibt Christine Türmer in ihrem Buch "Weite Wege wandern". Der Link steht wie immer in den Shownotes zu dieser Episode. Und die nächste Folge gibt's ab kommendem Samstag auf spiegel.de und überall, wo es Podcasts gibt - zum Beispiel bei Spotify oder Apple Podcasts. Bei Anregungen oder Themenvorschlägen einfach eine Mail schreiben an smarterleben@spiegel.de. Diesmal wurde ich unterstützt von Philipp Fackler und Yasemin Yüksel. Unsere Musik kommt von audioBOUTIQUE. Tschüss, bis zum nächsten Mal.