Jonathan Hilbert holt Olympia-Silber im letzten Paar Schuhe - und findet neue in Leipzig Jonathan Hilbert holt Olympia-Silber im letzten Paar Schuhe - und findet neue in Leipzig

Leipzig. Ein einsames Paar Adidas stand kurz vor den Olympischen Spielen noch im Schuhregal von Leichtathlet Jonathan Hilbert. Er hatte es extra beiseite gelegt, reserviert für den großen Wettkampf über die 50 Kilometer in den Straßen der japanischen Metropole Sapporo. Es war sein letztes Paar und eine Nachbestellung fast unmöglich. Denn wenige Monate vor den Spielen stand fest, dass besagte Firma das Modell nicht länger herstellen würde. Geher Hilbert hatte über ein Jahrzehnt auf diese Sohlen gesetzt, holte darin nun in einem wahren Kraftakt olympisches Silber und stand zurück in der Heimat vor der Frage: Was nun?

„Ich hatte keine Reserve mehr. Die Paare waren bis Olympia einkalkuliert. Im November hatte ich mir vier Paare gekauft, im März noch mal zwei“, berichtet der 26-jährige Erfurter. Viele professionelle Geher hatten auf diesen Schuh gesetzt, „ein italienischer Freund hatte sich noch 15 Paare besorgt, aber der Vorrat hält vielleicht ein Jahr“, so Hilbert weiter. Ein neues Modell musste her und sehr wahrscheinlich eine neue Marke, denn die Ansprüche von Läufern und Gehern sind grundlegend verschieden. „Adidas geht diesen Trend mit, dass alle Sohlen höher werden. Das ist super für Jogger, aber für uns ist das tödlich. Wir brauchen flache Sohlen“, erklärt der Spitzensportler.

Olympia-Medaillengewinner Jonathan Hilbert bekommt neues Material

Hinzu kommt: Der Polizist musste sich bislang jedes Paar selber kaufen, wartete oft auf gute Angebote in verschiedenen Online-Shops. Das Interesse der Sportartikelhersteller, die deutsche Geher-Szene mit einem Jahrzehnte alten Modell auszurüsten, war verschwindend gering.

„Form des Schuhes unterstützt“

Die Suche nach neuen, flachen Sohlen, die auch für professionelle Geher geeignet sind, brachte Hilbert in die Messestadt zu Jörg Matthé. Der Chef des Leipziger Laufladens wollte seinem langjährigen Freund helfen und beratend zur Seite stehen. Keine leichte Aufgabe, denn die wenigsten Hersteller haben die Wünsche der Geher im Blick. „Die Form des Schuhes unterstützt das Abrollen, so werden die Schienbeinmuskeln entlastet und eine Sehnenscheidenentzündung vorgebeugt“, so der Wunsch des Erfurters, der pro Woche bis zu 200 Kilometer zurücklegt. Eine enorme Belastung für das Material, zumal durch die hohe Schrittfrequenz etwa der doppelte Druck auf den Schuhen laste.

„Ich konnte nicht verstehen, dass ein so professioneller Sportler wie Jonathan keinen Ausrüster-Vertrag hat“, befand Matthé und nutzte zusammen mit der Marke On die Gunst der Stunde. Die Firma aus Zürich gehört zu den wenigen Herstellern, die weiterhin für Geher produzieren. Flache Sohlen, die zum Abrollen über die gesamte Fläche einladen. „Ich habe sofort gedacht, dass sich die Schuhe ganz ähnlich wie meine alten Adidas anfühlen“, spricht Hilbert das vielleicht größte Kompliment aus. Verschiedene Modelle für das Training und eine Variante mit Karbonplatte für den Wettkampf – die Olympischen Spiele 2024 in Paris können kommen.