Laufschuhe im Test: Run Boy Run

Kurzer Check: Umgerechnet wären das in meinem Fall etwa 33 Kilometer pro Jahr. Macht bei sieben Kilometern, der Länge meiner Stammstrecke, rund fünfmal Laufen. Pro Jahr. Ich halte mich nicht für überambitioniert, aber ja, dieses Pensum sollte ich geschafft haben. Kurz: Es ist Zeit, der Sommer war ebenso groß wie vorbei, aber Laufen hat eben immer Saison und noch einen Hamburger Herbstwinter werden meine alten Schuhe nicht mehr durchhalten, die Sohle leckt bereits merklich.

Damals, 2005, bin ich im Fachhandel auf das Laufband gestiegen, der Verkäufer hat meine Füße vermessen und mir drei Paar zur Auswahl präsentiert. Für Menschen mit Spreiz-, Senk-, Hohl- oder Plattfuß ist das sicher nach wie vor die beste Methode. Aber der Verkäufer hat mir schon damals einen ziemlichen Durchschnittsfuß attestiert: Größe 44, übliches Gewölbe, nicht sonderlich breit, kein Fersensporn, der Max Mustermann unter den Füßen, mir passt eigentlich alles. Also bestelle ich diesmal einfach fünf Laufschuhe, die sich gerade besonders gut verkaufen, besonders gut getestet wurden oder den Online-Bewertungen nach besonders beliebt sind.

Kandidaten und Kriterien

- Brooks Adrenaline Gts 19

- Sollomensi Laufschuh

- Puma Tazon 6 FM

- Whitin Laufschuhe

- Adidas Ultraboost 20

Die Preise versuche ich schnell wieder zu vergessen, schließlich will ich die fünf Kontrahenten möglichst unvoreingenommen vergleichen. Übrigens: Ich habe alle Schuhe eine Nummer größer bestellt, das ist bei Laufschuhen zu empfehlen. Die Versuchsanordnung: Mit jedem Paar laufe ich einmal meine Stammstrecke. Die ist wie gesagt etwa sieben Kilometer lang, ein Drittel Asphalt, zwei Drittel Waldweg mit Schotter und Wiesenabschnitten. Soundtrack: Woodkids "Run Boy Run", entspricht mit 134 Beats per Minute genau meinem Tempo. Sie haben jetzt einen Ohrwurm? Gern geschehen. Ich laufe immer morgens, fünf Tage hintereinander, was mir auffällt notiere ich vorher und nachher. Klar, besser wäre ein Marathon mit jedem Schuh. Tja. In 15 Jahren vielleicht.

Auspacken

Wann hat das eigentlich angefangen? Dass Sportschuhe nicht mehr aussehen wie Sportschuhe, sondern wie Alien-Raumschiffe oder Freddy-Mamani-Entwürfe in Kunstfaser? Hier eine wuchtige Ausbuchtung, dort quietschbunte Plastik-Applikationen, obszön dicke Sohlen sowieso und eine Angeber-Kühlergrilloptik, bei dem sich jeder SUV-Fahrer verstohlen die Neidtränen aus dem Augenwinkel wischt. Zugegeben, sonderlich ästhetisch waren meine alten Schuhe auch nicht. Aber Extravaganz scheint in den vergangenen 15 Jahren als Verkaufsargument deutlich an Bedeutung gewonnen zu haben. Immerhin kann ich die Konkurrenten so problemlos auseinanderhalten, als ich sie aus ihren Kartons befreie. Also, fünf Schuhe, fünf Tage.

Tag 1: Brooks Adrenaline Gts 19

"Adrenaline", verkündet der Schriftzug an der Lasche, als ich die Schuhe am Frühstückstisch überstreife. Die spontane Reaktion meiner Frau ist etwas prosaischer: "Die sind aber hässlich". Tja. Mit ihrer Fünfeck-Riffelung an der Seite wirken sie irgendwie aufgebläht, zumindest passt die orange-schwarze Färbung zu meinem Jogging-Outfit. Das allerdings auch schon zehn Jahre alt ist.

"Cushion Support" verspricht die Sohle, ein geradezu kissenweiches Laufgefühl also - ich bin gespannt. Die Verarbeitung ist tadellos, saubere Nähte, soweit überhaupt genäht wurde, auch die Verklebungen wirken einwandfrei. Der Kunststoff riecht wenn überhaupt dezent, kein Vergleich zu manch beißend müffelndem Konkurrenzschuh. Was mich vor allem verblüfft: das Gewicht. Verdammt, sind die leicht. Nur 677 Gramm, sagt die Küchenwaagen. Im Netz werden sogar nur 567 Gramm angegeben. Vielleicht ohne Schnürsenkel und Einlagen? Wie auch immer, bequem ist der Brooks. Nur etwas wenig Halt finden meine Füße darin, so der erste Eindruck. Aber was zählt, ist schließlich auf der Strecke.