Flüchtlinge in Mittelamerika auf dem Weg in die USA: Die wahre Tragödie von El Rio

Die Bilder verzweifelter Menschen an der US-mexikanischen Grenze gehen um die Welt, als Symbol einer humanitären Krise. Die aber ist viel größer, als es die schlimmen Aufnahmen vermuten lassen. Denn hier, so kurz vor dem Ziel, befindet sich nur das vorläufige Ende einer langen, furchtbaren Reise.

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Wir waren unter anderem in Necocli, einem Dorf im Norden Kolumbiens, wo mittlerweile 20 000 Haitianer gestrandet sind. Von dort aus wollen sie mit dem Boot an einen anderen Ort, der noch in Kolumbien liegt, um dann sieben, mindestens sieben Tage lang durch den Darien Gap, durch den dichtesten Urwald der Welt zu laufen und die panamaische Grenze zu überqueren.«

Und jeder Teil dieser Route ist lebensbedrohlich.

Necocli ist mittlerweile komplett überfüllt, der Ort hat normalerweise nur 35.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Jetzt harren hier noch die 20.000 Geflüchteten aus. Die meisten sind aus Haiti, aber es sind auch Menschen aus anderen mittelamerikanischen oder auch afrikanischen Ländern hier. Sie alle wollen ein Bootsticket, aber davon gibt es nur 500 pro Tag.

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Sie müssen aber mittlerweile bis zu drei vier Wochen warten, um überhaupt dieses Boot nehmen zu können. Das heißt, sie sind wirklich in diesem Ort gestrandet. Vielen geht auch einfach das Geld aus. Das heißt, sie schlafen dann in Zelten am Strand. Mittlerweile ist der ganze Strand voller Zelte. Die waschen ihre Kinder im Salzwasser. Die haben oft auch nichts Vernünftiges mehr zu essen. Viele sind dann auch sehr arm inzwischen. Und die Kinder sind krank. Also erbrechen einem vor die Füße.«

Aber warum nehmen die Menschen diese Strapazen auf sich? Sie alle treibt eine Hoffnung an:

Migrant aus Haiti:»Die USA sind das Land der Freiheit. Man hat viele Möglichkeiten in den USA, sogar ohne Dokumente. Wenn man illegal dort ist, hat man immer noch die Chance, Arbeit zu finden und legal einzuwandern. Es ist eine Chance, eine Möglichkeit.«

Die Menschen hier sind nur schlecht über die Lage an ihrem Traumziel informiert. Dass die US-Grenze weiter dicht ist, dringt nur langsam durch.

Robert Godoy, Migrant aus Venezuela:»Wir möchten, dass sie uns von Kolumbien nach Panama reisen lassen, bevor die USA ihre Grenzen schließen. Sie werden uns unsere Träume wegnehmen.«

Flüchtlinge in Mittelamerika auf dem Weg in die USA: Die wahre Tragödie von El Rio

Falsche Informationen stammen oft auch von Schleusern, die ein Interesse daran haben, dass ihr Geschäft weiter funktioniert.

So stehen die Menschen also stunden- und tagelang in der Schlange für ein Bootsticket.

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Sie denken erst einmal darüber nach, wie sie dieses Ticket bekommen können und machen sich über die Frage, was danach kommt, noch nicht so viele Gedanken.«

Dabei steht den Menschen der wohl schwerste und gefährlichste Teil der Route dann erst noch bevor: der Darien Gap. Allein die Natur ist lebensbedrohlich, mit tiefen Flüssen und gefährlichen Tieren. Und es lauert noch eine weitere Gefahr:

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Mittlerweile ist es aber auch so, dass das organisierte Verbrechen diese vulnerable Bevölkerung für sich entdeckt hat und ausnutzt. Das heißt, die Leute werden von den Schmugglern, die sie da eigentlich durchführen sollen, nach drei Stunden bis drei Tagen spätestens verlassen und dann ausgeraubt von kriminellen Banden, die ihnen also alles ausrauben, sogar das Essen wegnehmen, die Kleidung, die Schuhe, die sie da offensichtlich vom Weg runter zerren. Die Frauen werden dort massenweise vergewaltigt. Es ist wohl auch so, dass es Organhandel inzwischen gibt. Und ja, also der Weg ist von Leichen gesäumt, berichten Leute, die dann auf der anderen Seite lebend herauskommen.«

Peter, Migrant aus Haiti:»Als wir hier im Dschungel angekommen sind, an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama, waren da viele Diebe. Sie vergewaltigen zehn Jahre alte Kinder, Achtjährige. Sie klauen Geld, sie töten Menschen. Da sind viele Leichen. Wir brauchen Hilfe, die Regierung muss Soldaten in den Dschungel schicken.«

Wer es durch den Urwald schafft, muss noch den Weg zur US-Grenze antreten. Aber dort wartet eben nicht die Belohnung für all das Leid auf der Reise. Nur ganz wenige werden ins Land gelassen, Tausende harren in provisorischen Camps aus, unter menschenunwürdigen Bedingungen. Andere werden abgeschoben, die meisten nach Haiti, entsprechend ihrer Staatsbürgerschaft.

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Besonders dramatisch ist, dass diese Leute jetzt nicht unmittelbar aus Haiti kommen oder aus einem Krisengebiet, einem Kriegsgebiet, wo ihnen Gewalt droht, sondern die hatten es ja eigentlich auf eine Art schon geschafft.«

Denn viele von von denen, die sich auf den Weg machen, waren zuvor nach Chile oder Brasilien geflohen. Sie hatten sich zunächst dort eine Existenz aufgebaut.

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Natürlich ist es so, dass mit der Pandemie auch das Leben in Chile oder Brasilien schwieriger geworden ist für Migrantinnen und Migranten aus Haiti, das doch einige Jobs verloren haben, das auch die Stimmung etwas kippt, sie mehr angefeindet werden. Aber schlussendlich muss man sagen, dass die meisten dort immer noch ganz gute Chancen auf Arbeit haben. Und deren Kinder sind eben dort geboren, sind Staatsbürger, das heißt man kann sie auch nicht ausweisen. Und damit geben sie natürlich schon auch wirklich viel auf.«

So landen viele Menschen getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben letztlich in einem Land, in dem es ihnen deutlich schlechter gehen wird als an dem Ort, wo sie zu ihrer gefährlichen Reise aufgebrochen sind.

Nicola Abé, DER SPIEGEL:»Und das ist wirklich das Dramatische und Bittere an dieser Situation, dass sie sich einem unglaublich hohen Risiko aussetzen, dass sie viel Geld investieren, eben weil sie denken, sie haben Chancen in die USA zu kommen und das Ganze eigentlich ja so absehbar ist, dass Sie, falls Sie es dorthin schaffen, in einem Abschiebeflug landen nach Haiti, in ein Land, in dem sie seit Jahren nicht mehr sind. Und es ist eine so auf eine Art, so eine unnötige Krise, die daraus resultiert, dass hier einfach nicht die richtigen Informationen weitergegeben werden, dass keiner sie aufklärt, dass niemand einschreitet.«