Schuhe für XXL-Füße bis Größe 69 Job & Karriere

Tausend Dank von "Big Charlie"

Nicht selten kollabiert der Körper irgendwann unter den enormen Lasten. Viele sterben früh, Operationen sind teuer. "Diejenigen, die nicht das Glück haben im Westen zu leben und die keine gute Krankenversicherung haben, können gar nichts tun gegen das Wachstum", sagt Wessels.

Seine größten Kunden leben daher oft in den ärmsten Ländern. Und viele leiden unter ihrer Größe.

Für "Big Charlie", den größten Mann Simbabwes, fertigte Wessels Schuhe der Größe 57. Per E-Mail über die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation hat "Big Charlie" sich "tausendmal bedankt und geschrieben, dass sein ganzes Dorf für uns betet", erzählt Wessels. "Dass die Leute zwar immer noch lachen, wenn sie ihn in Harare durch die Straßen laufen sehen, aber jetzt immerhin nicht mehr mit Steinen nach ihm werfen." So können ein Paar Schuhe, die passen, einem Menschen die Würde zurückgeben.

Seit 1745 ist die Familie Wessels in Vreden als Schuhmacher tätig, Georg und sein Bruder Peter Wessels führen das Geschäft in der achten Generation. Ihr Großvater war der erste Orthopädieschuhmacher-Meister der Region. Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte er passende Schuhe für Kriegsversehrte aus dem ganzen Münsterland. Doch allmählich drohte das Geschäft wegzubrechen, Schuhe wurden in den sechziger und siebziger Jahren zur Massenware. "Wir waren ein Kraut-und-Rüben-Laden mit Rutschbahn für die Kinder im Geschäft", so Wessels. "Wir mussten uns also spezialisieren."

Spezialschuhe für ein Kamel mit Plattfüßen

Wie es dann zu den großen Größen kam, kann Wessels gar nicht so genau sagen. Vielleicht, weil schon sein Vater gelegentlich die ziemlich großen Füße der Holländer hinter der Grenze einkleidete. Vielleicht lag es aber auch an dem Erlebnis, das Georg Wessels als ganz kleiner Junge bei einer Kur in Bayern hatte: Im Oberstdorfer Heimatmuseum stand er vor einem Skischuh, groß wie ein Kleinwagen, nie getragen, aber aus echtem Leder.

Vor zehn Jahren ist Wessels mit seiner Frau runtergefahren ins Allgäu, um sich zu vergewissern. "Ich habe mich all die Jahre gefragt: Habe ich das damals nur geträumt? Oder war das wirklich so?", sagt Wessels. "Das war wohl meine erste Konfrontation mit übergroßen Schuhen. Wenn ich nicht selbst Riesenschuhe machen würde, wäre ich heute sicher kein Schuhmacher mehr." Der Leisten musste wachsen, damit der Schuster bei ihm bleiben konnte.

Sein Expertentum bringt Wessels auch kuriose Aufträge ein. Vor einigen Jahren erklärte am Telefon ein Mann im feinsten Schweizerdeutsch, er brauche dringend orthopädisches Schuhwerk - nicht für sich, für sein Kamel. Das leide unter Plattfüßen. "Als er mir das erzählte, habe ich um mich geschaut, ob irgendwo in der Wohnung eine versteckte Kamera steht." Aber ein paar Tage später lagen tatsächlich Röntgenbilder vom Fuß des Tieres in der Post.

Tellergroße Treter fertigte Wessels und brachte sie persönlich in den Schwarzwald. Dort lag das Kamel in der Wiese, erschöpft vom Laufen. Mit einem Flaschenzug hoben sie es hoch, die Vorderbeine baumelten in der Luft und wehrten sich gegen das Schuhwerk. Doch beim Probelaufen beruhigte sich das Kamel. "Man hat ihm richtig angesehen, wie es Klick im Kopf gemacht hat", sagt Wessels. "Es hat mit einem Mal verstanden, dass es mit den Schuhen besser und vor allem schmerzfrei laufen konnte."