Wilder Westen: Der Cowboy ist mal wieder zurück.

Nie habe es mutigere, ehrenwertere Männer gegeben als die wilden Söhne der Prärie, schreibt Nat Love. "Sie waren stets bereit, ihre Decke und ihre letzte Essensration mit einem weniger glücklichen Kameraden zu teilen, und halfen sich gegenseitig in den vielen herausfordernden Situationen, die einem im Leben eines Cowboys begegnen."

Klingt nach klassischem Western und ist es auch: Nat Love, geboren 1854, trieb Rinderherden durch Arizona, Kansas und Texas und verfasste 1907 als einer der wenigen Cowboys seine Autobiografie. Darin beschreibt Love, wie er durchs Land reitet, an Schießereien beteiligt ist, sich mit Billy the Kid betrinkt. 1876 verdiente er sich auf dem Pferd den Spitznamen "Deadwood Dick", als er an einem Lasso-Wettbewerb in South Dakota teilnimmt.

Auch William "Bill" Pickett machte sich einen Namen beim Rodeo. Bekannt als "The Dusky Demon" soll der 1870 geborene Texaner das "Bulldogging" erfunden haben, das Niederringen von jungen Stieren. Sein Trick: Dem Tier schnellstmöglich in die Lippen beißen - der Schmerz soll den aufgebrachten Bullen sofort zur Ruhe bringen. Zu Ehren wie viele andere Cowboys kamen beide allerdings erst spät, denn lange sollten die von der Welt so geschätzten Helden nur aussehen wie John Wayne, Charles Bronson oder Clint Eastwood. Nat Love und William Pickett aber waren Afroamerikaner.

Dabei war laut Harry Robinson Jr., Präsident des African American Museum in Dallas, jeder vierte Cowboy damals schwarz. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg war dieser Job einer der wenigen, in denen man als Afroamerikaner Fuß fassen konnte, wenn man nicht als Liftboy oder Laufbursche arbeiten wollte. Manche konnten sich erfolgreich selbständig machen und sich zum Teil auch eine eigene Ranch kaufen. Diskriminiert wurden sie dennoch: Sie durften unterwegs nur an bestimmten Orten essen oder in speziellen Unterkünften schlafen.

Im Western gab es den schwarzen Cowboy nicht

Erst in den vergangenen Jahren ist der schwarze Cowboy wieder sichtbarer geworden, ob im Film, in der Popmusik oder in der Mode. In Hollywood gab es bis dahin nur wenige Ausnahmen, darunter etwa "Silverado" von 1985 mit Kevin Kline, Kevin Costner und eben Danny Glover als Cowboy Mal, oder "Buck und der Prediger" von 1972 mit Harry Belafonte und Sidney Poitier, der dafür auch erstmals Regie führte.

In diesem Frühherbst taucht der mächtige und omnipotente Mann mit Hut auf Pferd allerdings noch vielfältiger auf als je zuvor. Von Oktober an sind Regina King und Idris Elba in dem Netflix-Western "The Harder They Fall" zu sehen als eine Gruppe schwarzer Cowboys auf Rachefeldzug. Das Label Neon Cowboys setzt in dieser Saison mit seinen ohnehin schrillen Western-Accessoires auf neonpinke Hüftgürtel, in die man sein Handy stecken kann für allzeit freie Hände, und zu den aktuellen Alben von schwarzen Country-Künstlern gehören "Cabin Fever" und "New Kind of Outlaw". Gleich in mehreren Cowboy-Varianten ist dann auch noch Superstar Beyoncé auf dem Cover der Septemberausgabe der US-amerikanischen Zeitschrift Harper's Bazaar zu sehen, der "Icon Issue" wohlgemerkt: mal in schwarzem Valentino-Fransencape und dazu passendem Stetson-Hut, mal mit Chaps aus Jeans und dominant glänzender Gürtelschnalle aus ihrer aktuellen Kollektion namens - "Rodeo".

Der "Black Cowboy" liege ihr am Herzen, so erklärt die Sängerin dem Magazin ihre Wahl. Nicht nur habe sie als Kind häufig Rodeos in ihrer Heimatstadt Houston besucht, sie wolle jetzt auch endlich auf seine übersehene Geschichte aufmerksam machen. "Viele wurden aufs Übelste diskriminiert. Sie wurden oft gezwungen, mit den schlimmsten, temperamentvollsten Pferden zu arbeiten", so Beyoncé. Die nunmehr vierte Kollektion ihres Labels Ivy Park in Zusammenarbeit mit Adidas greift daher mit gleich 58 verschiedenen Teilen den Cowboy-Mythos auf, wenn auch anders, als man ihn aus den üblichen Western-Klassikern kennt: Jacken mit Kuh-Print, tief ausgeschnittene Bodysuits aus Jeans, Mesh-Einteiler, die an eine Porno-Lederhosen-Version der eigentlich braven Rinderhüter erinnern, oder einen Cowboyhut in knalligem Blau.

Eng und neonfarben: Stereotype werden aufgeweicht

Nachdem Madonna im Jahr 2000 in ihrem Video "Don't Tell Me" als eine der Ersten im Pop in bauchfreier Westernbluse mit Puffärmeln auftauchte, sind die Stereotype des "American Cowboy" endgültig aufgeweicht und inzwischen vielfältiger und auffälliger denn je - mit strassbesetzten Hüten, superengen Fransenshorts und neonfarbenen Boots. Damit lässt sich sogar Musikgeschichte schreiben: Der Rapper Lil' Nas X ritt 2019 für seinen Song "Old Town Road" in Lederkluft gemeinsam mit Billy Ray Cyrus im Cowboysattel durch sein Video und erhielt mit dieser Single 14 Platin-Auszeichnungen von der RIAA (Recording Industry Association of America). Seitdem ist er eigentlich nur mehr mit pinkem Cowboyhut, gelbem Countryhemd und roter Rodeojacke zu sehen.

Bei seinen Kolleginnen Megan Thee Stallion oder Cardi B fallen die Western-Hosen zwar deutlich knapper aus, die Anlehnung an den Americana-Stil ist trotz wenig Stoff jedoch nicht zu übersehen. Bei der Grammy-Verleihung im vergangenen Jahr setzte schließlich Schauspieler Billy Porter noch eins drauf: mit einer von Designer Scott Studenberg geschaffenen türkisfarbenen Jacke-Jumpsuit-Kombo, gekrönt von einem Hut im gleichen Ton, dessen silberne Fransen vor dem Gesicht wie eine Gardine zugezogen werden können. Inzwischen tanzen selbst koreanische Boybands mit wehenden Rüschenblusen durch die Wüste.

Auch die Mode holt den Westernlook zurück, wenn auch etwas massenkompatibler als Billy Porter: Gucci, Bottega Veneta, Off White und Balmain haben sich für diese Wintersaison den Cowboystiefel vorgenommen. Alberta Ferretti macht mit goldenen Fransen an den Waden an einer mit Pailletten besetzten Hose auf sich aufmerksam, das Western-Shirt von Saint Laurent hält sich in Beige bedeckt, Designer Thebe Magugu aus Südafrika setzt auf wollene Sheriff-Hüte. Jahre zuvor hatten schon Anna Sui, Raf Simons, Rodarte und Calvin Klein den Americana-Trend aufgegriffen.

Dass man sich nun dem Cowboy widme, wundere ihn nicht, sagt Antwaun Sargent, Schriftsteller, Kritiker und Direktor der renommierten Gagosian-Galerie in New York. Er unterstützt die sogenannte "Yeehaw Agenda", die ebenfalls die Geschichte der schwarzen Cowboys aufarbeiten und sichtbarer machen möchte. Auf Instagram werden dafür die Western- und Country-Looks bekannter Persönlichkeiten aus den vergangenen Jahrzehnten gesammelt, von Marvin Gaye über Tina Turner bis zu Lenny Kravitz. Aktuell bekämen Afroamerikaner die Gelegenheit - oder nähmen sie sich -, die Geschichten wieder einzufügen, die lange unter den Teppich gekehrt oder in den jeweiligen Industrien nicht als bedeutsam empfunden wurden, so Sargent 2019 im Magazin Time. "Die Yeehaw Agenda hat gezeigt, dass wir die Möglichkeit haben, Narrative in diesem Land zu korrigieren."

Die "Yeehaw"-Aktivisten selbst formulieren das deutlich knapper: Rodeo sah nie besser aus.