Erlaubt geklaut

Das ist keine Gucci-Bag – oder doch? In der neuen "Clone-Collection" von Balenciaga tummeln sich die Kopien anderer Marken, allen voran des Luxuslabels Gucci. Ist die Fälschung das neue Original?

Seit Demna Gvasalia 2016 als Kreativdirektor von Balenciaga erstmals Eliza Douglas als Model für eine Schau buchte, ist die Performerin das inoffizielle Gesicht der spanischen Modemarke. Auch Modewelt-Fremden dürfte die New-Yorkerin mit dem durchdringenden Blick und dem Muttermal über dem markanten Wangenknochen bekannt vorkommen: Douglas ist nicht nur selbst Künstlerin, sondern leitet als Muse der Biennale-Löwen-Gewinnerin Anne Imhof regelmäßig die Gruppen aus übercoolen Performerinnen und Performern in Imhofs Stücken an, beispielsweise in "Angst II" und dem 2017 in Venedig so gefeierten "Faust".

Für die durchweg digitale Schau für die kommende Frühlingskollektion von Balenciaga setzte Modemacher Gvasalia ausschließlich auf die androgynen Züge der Amerikanerin: CGI-Klone von Douglas liefen über den Catwalk, einige Looks wurden von namenlosen Models präsentiert, denen per Video-Software der Kopf der Künstlerin auf den Körper montiert worden war. Die echte Eliza Douglas mischte sich unter die Kopien, trug sowohl die Herren- als auch die Damenlooks und ließ so die Grenze dazwischen verwischen.

So ist die Armee der Elizas nur die Spitze, die aus dem Strudel aus Wiederholung und Kopie herausragt und den Kern dessen erahnen lässt, worum sich die Schau dreht: "Das ist ein Deep-Fake einer Modenschau", erklärte Designer Gvasalia noch vor dem Upload des Videos dem Modemagazin "Vogue". "Es ist eine Schau, die nie passiert ist." Der Vorspann des Films, der diesen Monat auf der Website der Luxus-Marke hochgeladen wurde, liest sich wie der Trailer-Text für den neusten Science-Fiction-Blockbuster – oder für ein 2020er-Remake von "Matrix".

"Wir sehen unsere Welt durch einen Filter – perfektioniert, hochglanzpoliert, angepasst, gephotoshopt. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen unbearbeitet und verändert, echt und gefälscht, greifbar und konzeptuell, Fakt und Fiktion, Fake und Deepfake. Die Technologie kreiert alternative Realitäten und Identitäten, eine Welt digitaler Klone", heißt es da. Entsprechend trägt die Kollektion den Titel "Clone Collection". Gespielt wird hier auch textlich mit scheinbaren Gegensätzen, doch Fake und Deepfake – wo ist da der Unterschied?

Deepfakes können über den digitalen Raum, in dem sie rezipiert werden, einen direkten Einfluss auf das realpolitische Geschehen haben – so zumindest die wohl berechtigte Sorge. Sie sind nicht nur die Bearbeitung eines Bildes durch Hinzufügen oder Ausschneiden einzelner Elemente, sie bedienen sich der Mimikry der persönlichsten Eigenschaften eines Menschen – der Stimme, der Mimik, der Gestik.

So lassen sich Politkerinnen und Politikern Kriegserklärungen in den Mund legen und vor Gericht Beweismittel fälschen. Der Deepfake gilt jedoch längst nicht mehr nur als potenzielles Manipulationsmittel – in Zeiten der zunehmenden Personalisierung technischer Produkte wird daran gearbeitet, Radiosendungen mit Hilfe von Stimmproben an ihr Publikum anzupassen, oder digitalen Assistentinnen und Assistenten Leben einzuhauchen.

Die Vielschichtigkeit des Themas Kopie und Fälschung

Die Präsentation von Gvasalias Clone-Collection als Deep-Fake-Modenschau ist daher nicht nur hinsichtlich der Personenbeschränkungen in Pandemiezeiten ein schlauer Schachzug, sondern auch ein strategischer Coup, der zeigt, welche Möglichkeiten diese Art der Technik birgt und zu was das Label, das bekannt ist für sein Trendbewusstsein und seine Innovationsbegeisterung, fähig ist.

Zugleich greift die Präsentation das Thema der Fakes auf, um das sich die Kollektion dreht und zeigt die Vielschichtigkeit des Themas Kopie und Fälschung. Der Anstoß zum Fälschen kam jedoch nicht von Gvasalia selbst, sondern von Alessandro Michele, dem kreativen Kopf hinter dem Luxuslabel Gucci, das ebenso wie Balenciaga zum Kering-Konzern gehört. Im Zuge des gemeinsam initiierten "Hacker-Project" hatten sich Michele und Gvasalia darauf verständigt, sich für ihre neuen Kollektionen an den Markenzeichen des jeweils anderen Labels zu bedienen – jedoch ohne gemeinsam an den Entwürfen zu arbeiten.

Es handelte sich somit nicht um eine Kollaboration. Vorgelegt hatte Michele bereits im April mit seiner "Gucci Aria"-Collection, in der Balenciaga vor allem über den Namensschriftzug Einzug in die Designs gefunden hatte: Mäntel waren mit "Gucci" und "Balenciaga" bedruckt, an dicken Gliederketten baumelten in Großbuchstaben die Lettern des Namens der spanischen Marke, wobei das G durch Guccis ikonisches gespiegeltes Doppel-G ausgewechselt worden war. Die Gucci-Ästhetik der Kollektion blieb von dem "Hack" weitestgehend unberührt.

Mode hackt bekannte Logos

Gvasalia hingegen schien seine gesamte Kollektion danach ausgerichtet zu haben – kein Wunder, ist er doch bereits seit seiner Arbeit für das von ihm mitgegründete Label Vetements bekannt für das Hacken bekannter Logos – darunter Heineken und, im Zuge einer Kooperation mit dem Paketdienst, DHL – was ihn für Alessandro Michele zum perfekten Sparring-Partner macht.

Aber nicht nur von Gucci wurde in der Balenciaga-Schau geklaut. Auch wenn sich die Kleider die weiten, geschlechtsausblendenden Schnitte bewahren, für die die Marke bekannt ist, bilden die Referenzen auf die It-Pieces anderer Labels und auf Kunst- und Kulturgeschichte den Kern der Kollektion. Diese Zitate ziehen sich auch durch das Publikum, wir sehen Jogginghosen mit drei Streifen in den Rängen, Trenchcoats mit burberryesquem Karo-Innenfutter auf dem Laufsteg und ergeben uns beim Anblick klobiger grüner Gummischuhe der Erkenntnis: Crocs will be Crocs.

Selbst die Filmgeschichte bleibt nicht verschont: Ein centerpiece der Kollektion, ein rotes Samtkleid, das sich mit hohem Kragen hauteng an die geraden Körperformen der Eliza Douglas anlegt, die mit ihrer kastenförmige Brille auf der Nase beinahe prüde wirkt, bildet bei Gvasalia einen direkten Gegensatz zu der kulturellen Referenz, von der es inspiriert ist: Im Film "Pink Flamingos" des Kult-Regisseurs John Waters von 1972 zielte die Dragqueen Divine in einem sehr ähnlichen, verstörend sexy Dress mit einer Pistole aus dem Bildraum hinaus, das Standbild, das auch das Filmposter ziert, hat Kultstatus.

Der Rock des von Van Smith entworfenen Kleides war aus Tüll; Divines Performance, ihre Sanduhr-Silhouette, ihr Make-up, alles an ihr entspricht dem Inbegriff von Camp. 50 Jahre später bricht Gvasalia mit seiner Adaption erneut die Grenzen von Geschlechternormen.

Auch die Kunst kommt nicht zu kurz: Auf eine große Handtasche, die auf den ersten Blick eine perfekte Nachahmung eines Gucci-Shoppers ist, wurde mit Schwarz ein Schriftzug gesprayt, der nur allzu bekannt wirkt: "This is not a Gucci Bag." Magritte grüßt aus der surrealistischen Kunstgeschichte mit seiner Pfeife, die keine sein soll.

Demna Gvasalia beruft sich auf das Vorwissen der Zuschauenden, wenn er diese Codes referenziert. Im Digitalen Zeitalter ist der Remix die Norm, in der Kunst das bewusste Zitieren und Dekonstruieren der Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler längst gang und gäbe. Und spätestens seit Hito Steyerls Aufsatz über die Zirkulation des "Poor Image" nehmen wir den Bilderpool, aus dem die (Medien-)Kunst schöpft, mehr als ikonografisches Archiv denn als gradlinig verlaufende Fortschreibung des Künstlergeniemythos wahr.

Im Fashion-Business, wo man sich bereits aus rein pragmatischen Gründen seit jeher des Vorhergegangenen bedient, ist das Zugeben des kreativen Diebstahls noch immer ein Tabu, wie auch Gvasalia betont: "In der Mode spielen alle mit den Codes der anderen, die Leute spielen auch mit unseren Codes, aber niemand traut sich, es anzusprechen. Die gesamte Industrie funktioniert über ein stilles: Don’t ask, don’t tell."

Dass Fast-Fashion-Labels Klassiker etablierter Marken wie das ikonische Chanel-Jäckchen kopieren und sich an von ihnen vorgegebenen Trends orientieren, wird stillschweigend hingenommen, bestätigt es doch zugleich die hegemoniale Rangordnung im Modemarkt, in dem sich Trends über ein Trickle-Down-Prinzip etablieren – unvergessen bleibt Meryl Streeps Monolog dazu in "Der Teufel trägt Prada". Wie heißt es so schön: Imitation is the sincerest form of flattery.

"Fake it till you make it"

Gleiches gilt zu einem gewissen Grad für T-Shirts mit Logo-Drucken. Monogramme hatten in den frühen 2000ern ihren festen Platz im Straßenbild – als "AJ" für Armani Jeans und "CK" für Calvin Klein auf monochromen T-Shirts, als All-Over-Print auf Louis-Vuitton-Taschen. Die Logoshirts waren keineswegs ein Zeichen für die Modeaffinität ihrer Trägerinnen und Trägern, sondern wurden zum Merchandise, zum Verweis auf die teuren Labels; sie waren Statussymbole der Nouveau Riche und Zeichen der Uniformität zugleich, ein Produkt einer spätkapitalistischen Gesellschaft, in der durch Imitation à la "Fake it till you make it" sozialer Aufstieg vorweggegriffen werden sollte.

Als Reaktion entstand ein Markt billig produzierter Kopien, mit bewusst eingebauten Fehlern in den Logos und ausgetauschten Buchstaben, die sich in einem Grauraum der Legalität bewegten. Der Abschätzigkeit, mit der die Modewelt diesen offensichtlichen Fakes begegnete, zum Trotz, finden sie durch eine Auseinandersetzung der Marken mit der sozialen Tragweite der Fälschungen den Weg zurück in die High-Fashion: 2013 kreierte die britische Sängerin und Künstlerin M.I.A. eine Kollektion in Kooperation mit Versace; inspiriert waren die Kleidungsstücke von den Billigkopien eben jenes Labels, von denen die Musikerin als Kind in Sri Lanka umgeben gewesen war.

Etwa zeitgleich entwarf der Modemacher Jeremy Scott für das Label Moschino, das häufig und gern mit Dekonstruktionen des eigenen Monogramms spielt, Kleidungsstücke mit dem Aufdruck "Fakeschino". Die politische Komponente des Logo-Hackings bewies Mathangi Arulpragasam, wie M.I.A. mit bürgerlichem Namen heißt, als sie in dem Musikvideo zu ihrem Song "Borders", in dem sie die europäische Flüchtlingspolitik kritisiert, ein gefälschtes Trikot des Fußballclubs Paris Saint Germain trug und dafür verklagt wurde: Das Logo des Hauptsponsors Emirates war umgestaltet worden und verkündete nun: "Fly Pirates".

Und auch Gucci, dessen Kreativdirektor Alessandro Michele die Idee zum "Hacker-Project" hatte und damit den Grundstein für Balenciagas Clone-Collection legte, ließ sich in der Vergangenheit bereits von den Nachahmungen der eigenen Produkte inspirieren und bedruckte 2017 Taschen und Pullis mit dem Schriftzug "Guccy".

Erlaubt geklaut

Im Film-Jargon bezeichnet ein Bootleg eine nicht-autorisierte Kopie oder einen nicht-autorisierten Zusammenschnitt. In der Mode meint der Begriff zumeist hochwertig produzierte Kopien von Designer-Accessoires, allen voran Handtaschen und Schuhe. Mit den 2020ern ist – nicht zuletzt befeuert durch die Ausschlachtung der visuellen Kraft der Logos auf Instagram – auch die Logomania zurück. Das Logo wird wieder zum Statussymbol, das Zauberwort heißt Übertreibung, in der Subheadline steht Ironie.

Auf eine Art ist vielleicht gerade diese Übertreibung eine Reaktion auf die zunehmend qualitativ hochwertigen Kopien teurer Kleidung und Accessoires auf dem Schwarzmarkt. Je lauter wir die Echtheit eines Gegenstands betonen, desto mehr wächst die Skepsis. Doch je größer der Fake, desto größer muss auch die Risikobereitschaft sein, die dafür nötig ist: "authentisch" bedeutet eben nicht "echt", sondern den a priori angenommen Bildern und den Erwartungen an den Gegenstand entsprechend, dem Anschein nach überzeugend. Zwei Logos auf einem Produkt bedeutet also zwangsweise, dass zumindest der eine Name ein Fake ist – aber heißt das im Umkehrschluss für die zweite Marke: Eine Kopie ist eine Kopie ist ... Original?

Die Unmittelbarkeit des Trends

Auch Modenschauen haben in den vergangenen Jahrzehnten einen Bedeutungswandel erlebt: Ursprünglich als Kollektionspräsentation für ein Fachpublikum aus Journalistinnen, Einkäufern, Stylistinnen gedacht, avancierten sie mit wachsendem Interesse bei Mode-Laien zu spektakulären Events. Fashionsender übertrugen die Schauen der wichtigsten Häuser, die globalen Fashion-Weeks zogen auch Modeinteressierte außerhalb der Bubble an.

2001 wurde erstmals eine Schau des Lingerie-Herstellers Victoria’s Secret auf dem Sender ABC ausgestrahlt, die Marke mit den Laufstegengeln sollte eine gesamte Generation prägen. Mit dem Aufkommen digitaler Medien wurden die Schauen großer Häuser einer breiteren Öffentlichkeit noch zugänglicher: Das Internet eröffnete auch Modefans weit weg von London und Paris die Möglichkeit, die Kollektionspräsentationen on Demand auf YouTube immer wieder anzuschauen, zu downloaden und selbst zu schneiden.

Die Remixe wurden anschließend wieder auf der Video-Plattform hochgeladen und von Fans rezipiert. Als Reaktion auf die Zugänglichkeit erlebten Mode-Blogs einen Boom, Haute-Couture war jetzt netzhautnah erlebbar. Als Kind dieser Entwicklung und Wunderkind des Modejournalismus saß die Bloggerin Tavi Gevinson 2009 mit gerade zwölf Jahren erstmals in der ersten Reihe bei der New York Fashion Week – das war ein Jahr vor der Geburt Instagrams.

Expertise hat sich dem Massenurteil zu beugen

"Zu Hause würde ich in der Schulbibliothek sitzen und mir die Shows, die am Morgen im Internet hochgeladen wurden, am Computer ansehen", sagte sie damals der anwesenden Presse. Für viele der Journalist*innen wurde Gevinson zur Zielscheibe, sie, der Teenager aus der Peripherie wurde zum Inbegriff einer neuen Ära, in der die erlernte Expertise sich dem Massenurteil zu beugen hatte.

Doch vor allem zeigte es die Unmittelbarkeit, mit der, Breitband sei Dank, Menschen weltweit auf das reagieren konnten, was das Fachpublikum als exklusiven Raum wahrgenommen hatte. Mit der Mobilität des Smartphones spitzt sich dieser Effekt zu, Trends werden unplanbarer, Micro-Trends verbreiten sich wie kleine Lauffeuer, die schnell wieder erlischen. Marken sind gezwungen, umzudenken, wenn sie relevant bleiben wollen in einer von Sinneseindrücken übersättigten Aufmerksamkeitsökonomie.

Bei Balenciaga steht die Art, wie sich das Label medial präsentiert, im Zentrum der Markenidentität. Neben einzelnen Taschen- und Schuhformen, die als Dauerbrenner in den verschiedenen Kollektionen immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert werden, und dem sportlichen, genderfluiden Stil, der sich seit Gvasalias Amtsantritt durch die Entwürfe zieht, ist es vor allem die Selbstdarstellung Balenciagas auf Instagram, mit der die Marke bis vor kurzem auffiel und sich von anderen Modelabels abhob: Die Bildsprache des Instagram-Accounts war grotesk und ironisch, griff aktuelle Trends auf und wirkte dabei gleichzeitig völlig willkürlich.

Das ständige Sich-Neu-Erfinden

Nun sind alle Bilder gelöscht; es bleibt die Frage, ob das Label dem Trend anderer Marken folgt und Social-Media ganz entsagt, oder ob es sich stattdessen neu erfinden will. Balenciaga meint schließlich nicht nur die Kleidung, es meint einen Umgang mit dem Sich-Kleiden. Das ständige Sich-neu-erfinden ist ein beständiges Merkmal dessen und das jetzige passt zeitlich: Am 7. Juli findet im Zuge der Pariser Fashion Week die Haute-Couture-Schau statt, die als In-Person-Event in einem Nachbau von Cristóbal Balenciagas originalem Salon geplant ist.

Aber ist dies ein Schritt zurück ins Analoge, oder plant Gvasalia, auch hier noch tiefer in das Thema Digitalität und Immersion einzutauchen? Der Live-Stream wurde bereits vor über einer Woche – als Story auf dem sonst leeren Instagram-Account – angekündigt. Gesehen werden will die Marke, das ist klar, vor allem von den Fans in der breiten Öffentlichkeit, Modejournalistinnen und -journalisten und selbst prominente Gäste bei den Schauen sind sekundär.

Die vorangegangene digitale Frühlings-Modenschau als "Clone-Collection" zu präsentieren, kann in dieser Hinsicht wohl als Statement aufgefasst werden: Statt die Reihen mit Gesichtern aus der Mode- und Unterhaltungsbranche zu füllen, sitzen da nun unbekannte Gesichter in uniformem Schwarz und zücken ihre Smartphones. Wie Avatare der Zuschauenden vor ihren Handys teilen sie sich diesen digital space, ohne je eine Gruppendynamik aufzubauen, die bei körperlicher Präsenz im analogen Raum unvermeidbar ist.

Automaten im Menschengewand

Die menschlichen Darstellerinnen und Darsteller werden in unserer Wahrnehmung zu Automaten im Menschengewand. Wie eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung jüngst feststellte, nimmt die Sympathie für Roboter ab, wenn ihre Züge zu sehr denen des Menschen ähneln – zu unheimlich wirkt die Konfrontation mit der Künstlichkeit der Maschinenwesen. Diesen Effekt beschrieb bereits 1970 der japanische Forscher Masahiro Mori, der Name des von ihm konstatierten Paradoxons, Uncanny Valley, spielt auf Freuds Analyse des Unheimlichen an. "Was wir online sehen, ist nicht, was es ist. Was ist echt und was ist fake?", fragt Gvasalia im Vorab-Interview mit der "Vogue".

Und so spielt er auch mit dem Unbehagen des Ein-Bisschen-zu-nah-an-der-Realität, das die Mischung aus Humanoiden und der echten Eliza Douglas und die maschinenhaften, sich wiederholenden Bewegungen der einzelnen Zuschauenden auslösen, die ihre gegenseitige Präsenz völlig auszublenden scheinen, während im Hintergrund des Videos eine Roboterstimme emotionslos den Text des Songs "La Vie en Rose" rezitiert.

Die Figur auf dem Laufsteg sehen wir als Zuschauende nun auf zwei Bildschirmen – unserem eigenen und dem der Figuren auf den Rängen. Mit der Dopplung des Bildes auf dem Bildschirm gelingt dem Label eine Rückaneignung der Hoheit über den Blick der Rezipierenden auf die Kollektion. Das gesamte Video, das von den Humanoiden aufgenommen wird, werden wir jedoch nie zu Gesicht bekommen – das Publikum ist schließlich ebenso fake wie der Rest der Schau.

Alles, was wir sehen, sind die durchdirigierten Bilder, die sich bei jedem Look wiederholenden Kameraeinstellungen. Die Modenschau ist damit aber nicht nur nicht echt, sie verliert auch, trotz ihres Zuschnitts auf die Rezeption über den Handybildschirm, ihre gewohnte Unmittelbarkeit. Die Zeitlichkeit des Videos wird bereits dadurch aufgehoben, dass jede Figur einzeln in die Szenerie gesetzt wird, der Großteil der Genese vollzieht sich in der Postproduktion.

Die Kopien haben ein neues Level an Perfektion erreicht

Die Rezeptionsschleifen auf Social Media werden mitgedacht, die Bilder und Videos sind auf das Sharing ausgelegt. Und so teilte auch eine Berliner Mitarbeiterin der Marke auf ihrem privaten Instagram-Account (#nevernotrepresenting) Reaktionen auf Bilder aus der Schau, die ihr Follower per Direktnachricht geschickt hatten. Eine der Antworten auf einen Trainingsanzugskomplettlook lautete: "Jeder Spätiverkäufer am Kotti." Das Outfit aus Trainingshose, Trainingsjacke und Baseball-Cap, die tief ins Gesicht gezogen Schatten warf, war offensichtlich eine Kopie des klassischen Adidas-Ensembles, das längst zum Klischee avanciert ist.

Die Reproduktion solcher Klischees umfasst nicht zuletzt das der Kopie selbst. In einem Meer aus Subkulturen orientieren wir uns an Unseresgleichen und gleichen uns einander an, der individuelle Stil funktioniert in aller Raffinesse nur, wenn er als stilvoll anerkannt wird – von Personen, die Stil ähnlich definieren wie wir selbst. Diese unterschiedlichen Trends werden wie in einer Straßenszene auf dem Laufsteg von Balenciaga überspitzt und persifliert, ein Typus nach dem anderen.

Den Unterschied macht im Straßengeschehen vor allem die Qualität der Produkte aus, Klassenunterschiede äußern sich nicht mehr ausschließlich durch stilistische Codes. Entsprechend hat sich auch der Markt der Fälschungen dem Bedürfnis der Kundinnen und Kunden nach Repräsentation – oder Anschein – sozialer Stellung durch die Kleidung angepasst; die Kopien haben ein neues Level an Perfektion erreicht, der Markt mit hochwertigen Falschprodukten boomt: Laut Global Brand Counterfeiting Report beliefen sich die Verluste für Luxusmarken durch den Online-Handel mit Fälschungen 2018 auf über 30 Milliarden Dollar, Tendenz steigend. Im Straßenbild sind real und fake kaum noch voneinander zu unterscheiden, auf Instagram noch weniger.

Mit ihrer Benennung des Stunts als "Hacker-Projekt" eignen sich Alessandro Michele und Demna Gvasalia einen technisch assoziierten Begriff an. Das Wort "hacken" verbinden wir vor allem mit dem Aushebeln von Sicherheitsschranken im digitalen Bereich, mit Datenpiraterie und, natürlich, mit Deep-Fakes. Ursprünglich meint es jedoch Experimentierfreudigkeit und kreativen Einfallsreichtum. Das Kapern der anderen Marke wird beim "Hacker-Project" zur Inspirationsquelle:

"Das, was nicht erlaubt ist, triggert auch Kreativität auf eine Weise. Bei Luxusmode gibt es immer die Kopie, etwas, das so sein will, das aber sehr oft sehr hässlich und schlecht verarbeitet ist. Aber manchmal sehe ich auch billige Kopien von meinen Entwürfen oder von Alessandros, die wirklich interessant sind. Und ich denke mir: Es braucht Kreativität, um so etwas zu machen, auch wenn sie es nur machen, um nicht verklagt zu werden. Ironischerweise entsteht hier durch das Kopieren Kreativität. In meiner eigenen Arbeit wollte ich etwas von dem Erbe von Gucci nehmen, etwas, das Balenciaga nicht wirklich hat, und das ist das ikonische Monogramm. Nicht nur, weil ich es liebe, mit Logos zu spielen, weil es Spaß macht, sondern auch, weil es etwas in Frage stellt: Wie viel muss man verändern, bis es keine Kopie mehr ist?"

Klauen ist nur für manche erlaubt

Geklaut wird dabei in der Mode nicht immer nur von den Großen, gelegentlich werden die Entwürfe junger Einsteigerinnen verwertet, die sich bei Marken bewerben, nicht selten, nachdem sie für eine Position abgelehnt werden. Auch Balenciaga ist in diesem Punkt nicht unschuldig: 2019 hatte die Marke Ideen einer Berliner UdK-Studentin kopiert, nachdem sie während eines Rundgangs von einer Recruiterin des Labels angesprochen und nach ihrem Portfolio mit Bildern ihrer Arbeiten gefragt worden war. Die Marke Converse fiel durch einen ähnlichen Vorfall auf. Das Kopieren in den Entwürfen selbst zu thematisieren, wie es Gvasalia und Michele nun getan haben, stellt die Hoheit der Marken über ihre Logos und ihr Bewusstsein über die eigene Relevanz klar.

Gucci bietet derzeit ein Paar Schuhe auf der eigenen Website an, auf dem einen steht in großen Lettern "FAKE", auf dem anderen "NOT". Welche Unverfrorenheit müsste man besitzen, um solch ein paar Schuhe zu kopieren? Wird das Kapern fremder Logos zum Trend, so ist es nicht mehr zu umgehen – sich diesen Trend zu eigen zu machen, ist daher eine logische Folgerung. Ob nun "Fashion-Hacking" oder "Bootlegging", am Ende gilt: Es wird und wurde immer geklaut – nur ist es nun (für manche) erlaubt.