Brittany Runs A Marathon (2019) Brittany Runs A Marathon (2019) Brittany Runs A Marathon (2019)

Mit den Lebensumständen trifft der Arzt indes gleich mehrere wunde Punkte. Brittany redet sich ein, es sei alles in Ordnung. Tatsächlich aber war ihr Vater ebenfalls dick und ist früh gestorben. Sie feiert viel, schlägt sich die Nächte um die Ohren, ist verschuldet und kommt immer zu spät. Also beschließt sie, ihr Leben zu ändern und die vom Arzt geforderten 25 Kilo abzunehmen. Ein Fitness-Studio ist zu teuer, also beginnt sie zu laufen. Erst einmal um den Block. Dann schließt sie sich einer Laufgruppe an, auf die sie ihre Nachbarin „Money Bags Marge“ (Michaela Watkins) aufmerksam macht. Und kommt schließlich auf den Gedanken, sich beim New Yorker Marathon anzumelden.

Dennoch ist Brittany Runs a Marathon nicht einer dieser Filme, in der eine Frau abnimmt und dann alles wieder gut ist. Sicherlich wird die schlanke Brittany von Männern plötzlich wahrgenommen, aber von Anfang hat der Film die Probleme, die sie hat, nicht auf ihr Gewicht reduziert – und damit ist es auch nicht die Lösung. Vielmehr wird schnell deutlich, dass Brittanys beste Freundin allzu egozentrisch ist und sie kleinhält; dass Brittanys Selbstwertgefühl leidet, weil sie keinen guten Job und keine Aussicht auf eine Beziehung oder eine Karriere hat. Mit dem Laufen verliert sie Gewicht und wird insgesamt aktiver. Sie findet einen gut bezahlten Nebenjob, damit sie ihre Schulden loswird. Doch Brittany bleibt einsam. Ein dünner Mensch ist nicht automatisch ein guter Mensch, deshalb überträgt Brittany die Urteile, unter denen sie selbst gelitten hat, nun auf andere und weigert sich vor allem, irgendeinen Menschen an sich heranzulassen. Auf diese Weise funktioniert Brittany Runs a Marathon als komplexes Porträt einer Ende 20-Jährigen, die ihren Weg finden muss – angelegt hat Regisseur und Drehbuchautor Paul Downs Colaizzo die Geschichte an seiner Mitbewohnerin, die dann am Ende auch mit Fotos eingeblendet wird.

Jedoch bleibt Unbehaglichkeit. Zum Teil ist sie vom Film intendiert. Wenn Brittany sich demütigen lässt und später andere demütigt, trägt es zu ihrer Charakterisierung zweifellos bei. Dazu kommt Brittanys leicht schräger Humor, der manchmal eben ein wenig daneben liegt. Aber das ist in Ordnung, man muss sie nicht immer mögen. Doch die zentrale Gratwanderung bei dem Thema Gewicht gelingt dem Film schlichtweg nicht. Er bemüht sich in der Handlung und dem Dialog differenziert mit dem Thema umzugehen. Es wird gezeigt, wie Brittany zunehmend besessen vom Abnehmen ist, ihre Gesundheit abermals aufs Spiel setzt und immer wieder ihre Grenzen überschreitet. Aber da ist auch die Kamera, die dann doch nicht widerstehen kann, immer wieder ihren erschlankten Körper und die vermeintlich neu gewonnene Attraktivität einzufangen. Besonders unangenehm ist das in der Sequenz, in der ihr dünnerer Hintern in einer kurzen Schlafshorts von hinten gezeigt wird und die Kamera dann den Oberkörper hochfährt, in der Szene, in der Brittany eigentlich gerade gelernt hat, dass das Gewicht nicht das wichtigste im Leben ist. Für das Leben stimmt das zweifellos. Aber für den von außen kommenden Blick auf den Körper offenbar nicht.