Der Chucks-Profi zieht aufs Land

Am Samstag ist Schluss. Dann schließt Mike Spicka seinen Laden Chucks-Profi im Stuttgarter Westen. Fast 15 Jahre lang hat er Converse-Schuhe verkauft, nun hat er genug von Schnäppchenjägern, Beratungsdieben und gierigen Konzernen. Er will neu anfangen und sich einen Bauernhof kaufen.

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Stuttgart - Man kann ihn sich nur schwer als Bauer vorstellen. Der Mann soll die Scholle bestellen, das einsame Landleben schätzen? Dabei wirkt Mike Spicka (58) wie der geborene Verkäufer, ein Menschenfischer, der den Besucher umgehend duzt, an der Kaffeebar seines Ladens einen Espresso macht, und nebenbei seine Lebensgeschichte erzählt. Doch gut, er war Soldat, Metzger, Koch, besaß ein Restaurant, war im Kibbuz, schlug sich als Berber durch, hatte einen Feinkostladen und verkauft Chucks. So ein Tausendsassa kann auch einen Bauernhof betreiben in den Elbtalauen nahe des Wendlands.

Eines ist ihm wichtig: Es ist keine Flucht. „Ich höre auf, weil ich es will“, sagt Spicka, „nicht, weil ich es muss.“ Schon lange hat er mit der Pest und der Cholera des Einzelhändlers zu kämpfen, dem Schnäppchenjäger, dem’s nie billig genug sein kann, und dem „Beratungsdieb“, der „zehn paar Schuhe anprobiert und dann sagt: jetzt bestelle ich bei Amazon.“ Da gibt’s den Schuh für 40 Euro statt für 70 Euro.

"Nike hat mir das Herz gebrochen"

Wie die das machen? „Keine Ahnung, ich kann das nicht.“ 2009 habe er noch eine Million Umsatz gemacht, 2014 die Hälfte, „Gerber, Milaneo und Zalando“ sei Dank. Doch dass ihm auch noch Nike als Besitzer von Converse Knüppel zwischen die Beine warf, war dann zu viel. „Ich habe das mit Herzblut gemacht“, sagt er, „doch Nike hat mir das Herz gebrochen.“

2003 schon hat Nike Converse gekauft. Jene legendäre Schuhmarke, die Marquis Converse 1908 in den USA gegründet hat. Zunächst produzierte man Winterschuhe, den ersten Sportschuh brachte man 1917 auf den Markt. Die trug auch Chuck Taylor beim Basketball, er war kein begnadeter Sportler, aber ein begnadeter Verkäufer.

1932 wurde er verewigt, im Aufnäher am Knöchel steht seitdem „Converse All Star Chuck Taylor“. Hierzulande nennt man die Schuhe deshalb Chucks, während die Amerikaner Connies sagen. Doch 2001 ging Converse pleite, die Produktion der Schuhe in den USA war zu teuer geworden. 2003 kaufte Nike die Firma.

Doch erst seit letztem Jahr kümmert man sich aktiver um die Marke und organisiert den Vertrieb selbst. Spicka: „Eigentlich dachte ich, es geht jetzt voran, nachdem man Chucks in den letzten Jahren an jeder Ecke verramscht hat.“ Sogar in der Metro habe es „Dritte-Wahl-Chucks“ zu Schnäppchenpreisen gegeben. Doch dann habe er einen Anruf von „einem arroganten Jungelchen“ erhalten, der „mir erzählt hat, dass Nike die Marken Chucks und Converse habe schützen lassen“.

"Sinnlos, sich mit einem Weltkonzern anzulegen"

Er müsse seinen Laden umbenennen und die Adresse seines Online-Shops ändern. 70 000 Euro hätte ihn das gekostet, hat er ausgerechnet, schließlich hätte er alles wegschmeißen können, vom Ladenschild über die Tasse mit dem Namensaufdruck bis zum Briefbogen. Ein Versuch noch mal mit Nike zu reden, sei gescheitert. Zwar habe er den Namen „Chucks-Profi“ in Deutschland schützen lassen und einen Anwalt eingeschaltet, „doch letztlich ist es sinnlos, sich mit einem Weltkonzern anzulegen.“

Es geht ihm nahe. Das merkt man ihm an. Er verkauft auch Adidas-Schuhe, Timberland und Vans, aber er sei ein „Chucks-Mann, der Chucks-Profi. Ich habe das gelebt, fast 15 Jahre lange habe ich die Marke hoch gehalten, bei uns kriegst du 500 Modelle, so viele wie nirgends in der Stadt.“

Angefangen hat er 2002. Nachdem er eine lange Reise hinter sich hatte. In Goslar im Harz ist er aufgewachsen, dort war er acht Jahre beim Bund, lernte Fleischer, Bäcker und Koch, betrieb eine Kneipe, später ein Restaurant. Dann wurde er von einem Betrüger mit Immobilien abgezockt. „Mir blieb nur mein Porsche“, erinnert sich Spicka. Mit dem fuhr er nach Israel kochte in einem Kibbuz. Zurück in Deutschland lebte er auf der Straße, schlug sich nach Stuttgart durch, rappelte sich auf, schaffte beim Fisch-Moll, war Küchenchef im Teehaus, und machte sich mit einem Feinkostgeschäft, der Käseecke an der Hauptstätter Straße, selbstständig. Über eine Kundin kam er in Kontakt mit einem Modehändler, baute für den einen Online-Shop auf, 2002 vertrieb er dann erstmals Chucks. „Das sind die perfekten Schuhe. Die altern, die haben Charakter.“ 2007 machte er seinen Laden auf, erst gegenüber in der Schwabstraße 18, wo heute ein Teeladen ist. Zwei Jahre später zog er in die Schwabstraße 33.

Nun fängt er wieder etwas Neues an. Heute bekommt er Bescheid, ob er den Zuschlag für den Bauernhof bekommt. Was er dann macht? „Keine Ahnung, vielleicht ein Restaurant, vielleicht Ferienwohnungen, vielleicht schnitze ich Gesichter in Holz.“ Auf jeden Fall ist er fürs Landleben gerüstet. Chucks gibt’s auch aus Gummi, und wie Spicks betont, „ sind die bis zur dritten Öse wasserdicht“.

Stuttgart