Mamablog - Jugendliche Geschmacksverstauchungen

Ja, ich gestehe: Ich habe sie auch getragen. Die Buffalo Tower Boots. Was solls, die Spice Girls trugen die Dinger auch. Ausserdem kamen die Plateau-Treter gerade kleineren Frauen (wie mir) sehr gelegen. Und wer Anfang der 90er-Jahre an Techno-Parties verkehrte, musste die Monsterdinger einfach haben. Nebst den Plateau-Turnschuhen leisteste ich mir auch noch zwei bleischwere, braune Plateau-Lederstiefel. Geschätztes Gewicht pro Schuh: 1 Kilo. Meine Freundin hatte die gleichen, einfach in schwarz. Und wenn wir gemeinsam loszogen, sahen wir wahrscheinlich aus wie zwei japanische Manga-(Witz)-Figuren. Heute würde ich meiner Mutter verständnisvoll zunicken und mit ihr über mein Teenager-Ich den Kopf schütteln, aber damals hatte ich nichts übrig für ihre hochgezogene Augenbraue und verbat mir jeglichen Kommentar.Mamablog - Jugendliche Geschmacksverstauchungen

Dass Teenager sich abgrenzen ist normal. Kleidung ist dabei nur eines von vielen Ausdrucksmitteln. Es geht eben um mehr als nur modische Accessoires. Es sind Zeichen, die signalisieren, dass man sich von den Erwachsenen (die blöden Eltern, die blöden Lehrer) abgrenzt. Ausserdem zeigen sie, welcher Gruppe (Punks, Hip-Hopper, Teddies, Popper, Skater, etc.) man angehört. Und dieses Gefühl des Dazugehörens, diese Verbundenheit ist eminent wichtig in der Pubertät. Wenn einem die eigenen Eltern, die man bis gestern noch innig geliebt hatte und im Klassenlager heimlich vermisste, plötzlich nur noch wie Aliens vorkommen, dann wird die Clique zur Auffangstation bei Liebeskummer oder sonstigen Katastrophen. Und wenn in dieser Clique gerade grüne Haare «in» sind, dann färbt man sich die eigenen Haare eben auch grün — und ist glücklich dabei.

Keine Techno-Party ohne Tower-Boots

Ich empfehle an dieser Stelle sofort die Schachtel mit den alten Fotos rauszukramen und einfach mal auf sich wirken lassen. OMG! Genau! Wäre ich mutiger, hätte ich jetzt hier im Blog ein paar schöne Beispiele zusammengestellt — aber ich finde es schon peinlich genug, wenn man auf Facebook auf irgendwelchen Klassenfotos «markiert» wird – und dies erst merkt, nachdem man auf der eigenen Seite plötzlich Kommentare wie «Ui, nei!» und «Bist DU das?» liest.

Der Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling sind ihre jugendlichen Mode-Ausrutscher ebenfalls peinlich. Im Buch des britischen Autors Joseph Galliano «Das Glück wird dich finden» (ein Buch, in dem Prominente an ihr sechzehnjähriges Ich Briefe schreiben) empfiehlt die Jetzt-Joanne der Vergangenheits-Joanne keine schlabbrigen Latzhosen zu tragen und vor allem ihre Haarfarbe NICHT anzustasten, da sie trotz weissblond nie wie Blondie-Frontfrau Debbie Harry aussehen werde. Aber eben, im Nachhinein ist man immer schlauer. Trotzdem denke ich, dass jeder Jugendliche ein Recht auf modische Aussetzer hat. Mich befremden viel mehr die Teenager, die wie die sehr junge Version ihrer Eltern aussehen. Da ich in der Nähe eines Gymnasiums lebe, kommen mir morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, die Schüler quasi massenweise entgegen: elegant gekleidet, perfekt frisiert — die Mädchen allesamt sehr dezent geschminkt — alles harmoniert. Wahrscheinlich werden diese Teenager keine stundenlangen Outfit-Diskussionen zu Hause führen müssen (im Idealfall kann man sogar von Mamis Handtaschen Gebrauch machen...) aber etwas werden sie in zehn, fünfzehn Jahren vielleicht bereuen: Dass sie sich als Teenie modemässig nicht ausgetobt haben und merken, dass es jetzt irgendwie zu spät dafür ist.