Sneaker-Produktion: Drohende Lieferengpässe bei Nike, Adidas und Puma

Teenager-Tränen könnten in diesem Jahr unter vielen Tannenbäumen rund um den Globus kullern. Weil Wünsche nach dem unverzichtbaren Paar Turnschuhen oder der trendigen Sportjacke vielfach unerfüllt bleiben. Denn Nike, Adidas, Puma – die größten Sportartikelhersteller der Welt – werden in diesen Wochen von dramatischen Produktionsausfällen heimgesucht, die ihnen und ihren Kunden das Weihnachtsgeschäft verderben könnten. Die Ursache des Problems liegt fernab der Konzernzentralen von Beaverton und Herzogenaurach: in Vietnam.

Der heiße Herbst der globalen Sneaker-Branche begann Mitte Juli, als in einem Werk des nicht vielen Menschen bekannten Herstellers Pou Chen in Ho Chi Minh City ein lokaler Corona-Ausbruch mit 49 infizierten Arbeitern gemeldet wurde. Das Gesundheitsministerium erlaubte einen weiteren Betrieb nur noch unter der Auflage einer strikten Quarantäne für alle Mitarbeiter auf dem Werksgelände, wozu sich das Unternehmen mit 56.000 Beschäftigten am Standort nicht in der Lage sah. Das Werk wurde daraufhin von den Behörden bis auf Weiteres stillgelegt.

Eine geschlossene Schuhfabrik in Vietnam. Das klingt wie der berühmte Sack Reis in China. Doch dieser und einige ähnliche Vorfälle bringen nun die Großen der Sportartikelbranche ausgerechnet vor dem für sie so wichtigen Weihnachtsgeschäft in erhebliche Schwierigkeiten. Als erster Hersteller sprach in der vergangenen Woche Marktführer Nike von drohenden Lieferengpässen. „Wir haben bereits zehn Produktionswochen eingebüßt“, sagte Finanzvorstand Matt Friend in einer Telefonkonferenz zu den Quartalsergebnissen.

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Nike, so erfuhren die Anleger, produziere etwa die Hälfte seiner Schuhe und ein Drittel der Bekleidung in Vietnam. Und damit in einem Land, in dem aufgrund der grassierenden Delta-Variante nun viele Betriebe geschlossen sind oder nur in sehr eingeschränktem Betrieb laufen. Rund 80 Prozent seiner Schuhproduktion in dem Land, räumte Friend ein, lägen derzeit brach. Bis man wieder voll produzieren könne, werde es „viele Monate“ dauern.

Für Nikes Hauptkonkurrenten aus Deutschland ist das Schwächeln des US-Rivalen kein Grund zum Feixen – denn sie haben mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen. Auf Anfrage von WELT bestätigt Adidas ebenfalls „Corona-bedingte Einschränkungen durch Lockdowns in Vietnam“.

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Das Land habe im vergangenen Jahr einen Anteil von 28 Prozent am gesamten Liefervolumen von Adidas gehabt. Bei Schuhen lag der Anteil sogar bei 42 Prozent, so ein Sprecher, der nicht näher spezifizierte, was das konkret für das Weihnachtsgeschäft bedeuten wird.

Sneaker-Produktion: Drohende Lieferengpässe bei Nike, Adidas und Puma

Und auch beim Herzogenauracher Stadtrivalen Puma schaut man mit Sorge nach Vietnam. Aufgrund der relativ hohen Zahl an Covid-19-Erkrankungen habe die vietnamesische Regierung in 18 südlichen Provinzen sowie in Ho Chi Minh City einen strengen Lockdown verhängt, heißt es da. „Diese Maßnahmen beinhalten auch vorübergehende Fabrikschließungen bei Lieferanten von Schuhen, Textilien und Accessoires“, sagt eine Sprecherin.

Lieferschwierigkeiten sind kein Zufall

15 Prozent des weltweiten Produktionsvolumens von Puma seien betroffen. „Wir versuchen, Verspätungen möglichst zu verhindern und wenn möglich, die Produktion in andere Länder zu verlagern“, so das Unternehmen. Immerhin gebe es Anzeichen für eine Besserung der Lage durch das Impfprogramm in Vietnam.

Dass die drei größten Hersteller der Welt simultan in Lieferschwierigkeiten zu kommen drohen, ist kein Zufall, sondern die Folge einer starken Konzentration in der Fertigung. Obwohl die Sportmarken in der Vermarktung großen Wert auf ihre Unterschiedlichkeit legen, werden die Schuhe und Klamotten in nicht wenigen Fällen vom selben Hersteller gefertigt.

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Im Zentrum steht dabei immer wieder das taiwanesische Mischunternehmen Pou Chen, beziehungsweise eine Tochterfirma: Yue Yuen Industrial. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Hongkong ist vermutlich kaum einem Teenager auf der Welt ein Begriff und doch der größte Hersteller von Markenschuhen weltweit. Yue Yuen produziert für Nike, Adidas und Puma, für Asics, New Balance und Converse. Entsprechend groß ist die Hebelwirkung bei Ausfällen.

Ironischerweise sind die jetzigen Produktionsprobleme das Ergebnis von Maßnahmen, die eigentlich zu deren Sicherung gedacht waren. Hersteller hatten in den vergangenen Jahren reihenweise Produktionsstätten aus China in andere Länder verlegt, um damit unter anderem den Auswirkungen des Handelskriegs zwischen den USA und China zu entgehen.

Wichtigster Ausweichhafen für Pou Chen und andere Hersteller war Vietnam. Laut Daten von Statista schnellte die Zahl der in Vietnam hergestellten Sportschuhe im vergangenen Jahrzehnt steil in die Höhe, von 347 Millionen gefertigten Paaren im Jahr 2010 auf 880 Millionen Paar vor der Pandemie. Wo der Jahresausstoß in diesem Jahr landen wird, scheint in den Sternen zu stehen.

Denn während in der Halbleiterproduktion mitunter der Ausfall eines einzelnen Werkes zu einer weltweiten Chip-Knappheit führen kann, scheint die Lage in Vietnam eher ein flächendeckendes Problem. So meldete im August der Hersteller Feng Tay, der ebenfalls für Nike und Adidas fertigt, den Ausfall von gleich fünf Zulieferern in Vietnam. Auch Feng Tay hatte seine Produktion in China wegen der Handelsbeschränkungen weitgehend reduziert und Kapazitäten nach Vietnam, Indonesien und Indien verlagert.

Hersteller verlagern Teile der Produktion auch nach Indien

„Vietnam ist zu, es besteht ein Mangel an Containern, die Frachtraten haben sich versechsfacht und generell ist die Lieferkette zurzeit wegen Corona schwierig“, fasste Puma-Chef Björn Gulden die Lage gegenüber dem Handelsblatt zusammen und zeigte sich dennoch optimistisch, die Umsätze seines Unternehmens auf lange Sicht zu verdoppeln.

Eigentlich hatte die Sneaker-Branche nach einem schwachen Corona-Jahr 2020 zuletzt eine Aufholjagd mit steigenden Umsätzen erlebt. Um davon noch etwas zu retten, sind die Hersteller beziehungsweise ihre Lohnfertiger nun dabei, Teile der Produktion erneut zu verlagern – zum Beispiel nach Indien. Ob das noch reicht, um den Weihnachtsabend zu retten, wird sich zeigen.

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