Turnschuhe: Sneaker-Kultur und die Geschichte des Hype darum

SPIEGEL ONLINE: Hat Deutschland eine große Rolle bei dieser Entwicklung gespielt?

Semmelhack: Ja, mehrfach. Adi und Rudolf Dassler fertigten zuerst Sportschuhe für die athletische Elite an, sie hatten großes Interesse daran, dass ihre Kreationen bei Olympia getragen wurden. Während der Berliner Nazi-Spiele 1936 hat Adi Dassler Jesse Owens ein Paar Laufschuhe geschenkt, der trug sie zum Training. Was für ein großer interkultureller Moment - und das während der NS-Zeit!

SPIEGEL ONLINE: Puma und Adidas haben einige Modelle entworfen, die heute noch Kult sind.

Semmelhack: Ja, sie haben eine Art ästhetische Revolution losgetreten. In den Sechzigern machten die Deutschen Schuhe, die zu Objekten der Begierde wurden: der Samba, der Superstar. Sie fertigten den Schaft aus Leder und färbten es hell. Sneakers waren zum ersten Mal elegant, glatt und schön, modisch eben. Der Übergang vom Sportschuh zum Alltagsschuh war geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Heute kann man Turnschuhe sogar im Büro oder bei halboffiziellen Anlässen tragen. Wie kam es dazu?

Turnschuhe: Sneaker-Kultur und die Geschichte des Hype darum

Semmelhack: In Nordamerika startete diese Entwicklung mit der Einführung des Casual Friday, an dem der Büromann seine Uniform zurücklassen und eine private Seite von sich zeigen sollte. Sneakers stehen für Dynamik, Athletik und Kraft - deshalb waren sie eine gute Alternative zu Halbschuhen und Anzug. Wer Sneakers sah, hatte auf einmal Bilder von HipHoppern, Rappern und Sportlern im Kopf. Der Büromann, der Sneakers trägt, zeigt, dass er nicht mehr nach den alten Regeln spielt, sondern nach den neuen, die dem Mann mehr Eigenschaften zugestehen als nur den beruflichen Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Bürohengste, Rapper, HipHopper - wir reden immer nur von Männern. Frauen tragen doch auch Sneakers!

Semmelhack: Da stimme ich nicht ganz zu. Schauen Sie sich mal um. Noch in den Neunzigern gab es Diskussionen darüber, ob es für Frauen schicklich sei, überhaupt in Sandalen ins Büro zu kommen. Die Sneaker-Kultur transportiert männliche Erfolgswerte, keine weiblichen. Natürlich tragen Frauen Sneakers, aber diese Tatsache und die Modelle, die heutzutage speziell für Frauen designt werden, haben historisch kaum eine Rolle gespielt. Frauen und Athletik - diese Kombination ist in unserer Gesellschaft immer noch nicht ganz positiv besetzt. Idealisierte Weiblichkeit wird bis heute nicht von einer Frau in Sneakers verkörpert, sondern von einer Frau auf High Heels.

SPIEGEL ONLINE: Aber heutzutage werben viele Hersteller mit Frauen, die ihre Schuhe tragen. Bedeutet das nichts?

Semmelhack: Auf vielen Werbeplakaten tragen Frauen - auch berühmte - Sneakers. Sie haben aber eine rein passiv-dekorative Funktion. Wann immer bekannt gegeben wird, dass ein Promi einen Sneaker selbst designt, dann handelt es sich um einen Mann. Kanye West arbeitet mit Louis Vuitton. Berühmte Frauen nehmen an diesem Prozess nicht teil.

SPIEGEL ONLINE: Das stimmt nicht ganz, Puma hat Rihanna als Creative Director angeheuert, sie entwirft dort eigene Sneaker-Modelle. Steht vielleicht doch eine Öffnung der Sneaker-Kultur bevor?

Semmelhack: Der Schuh ist essenziell, er wird noch lange Zeit bei uns bleiben. Ob er für Frauen so wichtig wird wie für Männer? Nur wenn wir toleranter werden hinsichtlich unserer Vorstellung von Weiblichkeit. Das sind aber Probleme, die weit über den Sneaker selbst hinausragen.

Zu der Ausstellung ist bei Rizzoli New York ein beeindruckender Katalog erschienen: "Out of the Box - The Rise of Sneaker Culture".