Coronakrise im Landkreis - Rettung per Klick

"Guten Morgen meine lieben Kunden, heute mal am Samstag: coole, lange Baumwollhemden im Vokuhila-Style, hinten ein bisschen länger, vorne verkürzt, in tollen Farben!" So oder so ähnlich beginnt Ulrike Soré vom Modegeschäft "Mode Mosaik" in Herrsching viele ihrer täglichen Videos, in denen sie die neueste Ware präsentiert. Zur Zeit stellt sie Blusen, Jacken, Schals oder Tuniken der Frühjahrskollektion vor - in bunten, frohen Farben. Als Verbreitungsplattform dient die Social-Media App Instagram. Die Kunden rufen Soré danach an und bestellen die Teile, die ihnen in den Videos besonders gefallen haben. Diese stellt Soré dann zu einem ausgemachten Termin im Schaufenster zusammen, damit die Kunden sie im Anschluss zu Hause anprobieren können. Was nicht gefalle, gehe kostenlos an sie zurück, sagt sie.

"Click and Collect" oder auch "Call and Collect" heißen die meist digitalen Verkaufsformate, auf die viele Einzelhändler seit 11. Januar wieder zurückgreifen können. Die bayerische Staatsregierung hatte zuletzt die Beschränkungen für den Einzelhandel gelockert. Größere Händler, wie zum Beispiel der Hagebaumarkt in Starnberg, bieten ihren Kunden deshalb an, die Ware im Onlineshop zu kaufen und anschließend in der Filiale abzuholen oder nach Hause liefern zu lassen. Kleinere Geschäfte der Modebranche mussten jedoch kreativ werden, denn viele von ihnen können aufgrund ihrer Größe nicht mit einem Onlineshop dienen. So sagt es Soré. Nachdem viele Läden zunächst telefonische Beratung mit Abholung vor Ort angeboten hatten, bieten manche Inhaber, auch sie selbst, nun Videoberatung über Instagram an. Die Verkaufszahlen könne man natürlich nicht mit der Zeit vor Corona vergleichen, sagt sie. Doch auch jetzt stehe sie von zehn bis halb fünf Uhr nachmittags im Laden, um Anrufe in Empfang zu nehmen und die Videos zu drehen. "Man muss sich bewegen, das ist ganz wichtig", erklärt die langjährige Inhaberin, "man muss die Kunden halten." Ihr Angebot komme gut, ja sogar "Hammer" an, wie sie sagt. Doch es sei deutlich mehr Arbeit, die Ware über diesen Weg zu verkaufen. Am Ende des Videos wünscht Soré den Kunden "viel Spaß beim Shoppen!". Die Ansprache klingt persönlich. Aus gutem Grund: "Ich habe viele gute Stammkunden", und diese wolle sie mit den Videos auch ansprechen.

Andere Händler weichen auf digitale Schaufenster aus, wie zum Beispiel das Schuhhaus Kunkel in Starnberg. Die Kunden können sich hier online das gesamte Sortiment anschauen, Schuhe reservieren oder telefonisch bestellen und im Laden abholen. Doch "die Beratungskompetenz, für die wir stehen, ersetzen solche digitalen Angebote nicht", erzählt Maria Wiedemann, Inhaberin des Schuhhauses. Die könne man nur "Auge zu Auge ausspielen". Vor allem bei den Kindern, die nun aus den Winterstiefeln rauswachsen, sei das Ausmessen des Fußes vor Ort für die Gesundheit der kleinen Füße wichtig.

Gabi Huber setzt mit ihrem Modegeschäft in der Mühlfelder Straße in Herrsching auf Whatsapp-Stories, mit denen sie fast täglich per Video neue Ware präsentiert. Die Kunden könnten sich so direkt per Smartphone melden, die Ware bei ihr zusammenstellen lassen und abschließend abholen. "Dann hat man automatisch ein persönliches Gespräch", sagt Huber. Bezahlt werde erst nach dem Anprobieren zu Hause. Es sei ungewohnt, den Leuten einen Vertrauensvorschuss zu geben. Doch "die Leute sind ja aus der Gegend", sagt Huber. Die Kunden freuten sich über das Angebot, manche fragten aber noch: "Wie geht denn das?" Doch obwohl der Service die Kosten teilweise decken könnte, betont auch Huber: "Wir haben die Leute lieber im Laden". Was fehle, seien "die Events, dass die Leute sich für einen Geburtstag was Schönes kaufen". Huber, die auch Zweite Vorsitzende im Herrschinger Gewerbeverein "WiR" ist, hatte zusammen mit weiteren Mitgliedern im März 2020 die Initiative "Kauf - Lokal - Online" und eine zugehörige Website ins Leben gerufen.

Coronakrise im Landkreis - Rettung per Klick

Themenpaket und Überraschungstüte

Für große Händler wie den Hagebaumarkt und die Buchhandlung Rupprecht in Starnberg oder das Gartencenter Kiefl in Gauting, die ohnehin schon Onlineshops mit ihrer Sortimentsauswahl führen, war die Einrichtung ihres Click & Collect-Abholservices ein vergleichsweise unkomplizierter Schritt. Auch bei Sportgeschäften wie Sport Lier in Starnberg oder Intersport in Tutzing fallen bei der Onlinebestellung zur Abholung einfach die Lieferkosten weg.

Schwerer hatten es die kleineren Einzelhändler. Auf der Homepage www.werkxsalon.de des Bastelladens werkXsalon in Starnberg kann man sich jetzt einen "Malkorb To Go" bestellen und im Laden abholen, die Stadtbücherei Starnberg stellt neben der Auswahl aus dem Katalogsortiment auf Wunsch Themenpakete zusammen und liefert die bestellten Bücher im Stadtgebiet und den Ortsteilen sogar aus (Bestellungen mit Angabe der Ausweisnummer an buecherei@starnberg.de). Ein ähnliches Angebot gibt es auch beim Juwelier Merlin in Starnberg. Dort stellen die Mitarbeiter bei Angabe der gewünschten Farbe und Größe über das Telefon eine individuelle Überraschungstüte zum Abholen zusammen und zeigen ihre Kunden Neuheiten im Sortiment außerdem auf Facebook und Instagram.

In Herrsching bietet der Gewerbeverein "WiR" auf der Website shopping-in-herrsching.de eine Übersicht über die lokalen "Click"- oder "Call und Collect"-Services aus verschiedenen Bereichen, von Angelbedarf über Schreibwaren bis zur Trachtenmode. Voraussetzungen für die Abholung sind neben den geltenden Hygienevorschriften in der Regel eine termingebundene Bestellnummer und der Ausweis. Leda

Doch nicht alle Einzelhändler sind mit dem Weg über "Click and Collect" zufrieden. Bettina Krebs, Inhaberin des Geschäfts "Modafein" in Starnberg, ist entsetzt darüber, dass dies eine der wenigen Möglichkeiten sein soll, die Ware an die Menschen zu bringen. Es herrsche ein enormer Warendruck. Sie setzt momentan auf drei digitale Vertriebswege: Eine Outfixbox, die sie per Videoberatung mit den Kunden zusammenstellt; Videoshopping auf Instagram, für das ihre Tochter modelt, und einen Onlineshop, der mittlerweile auch handykompatibel ist. "Natürlich funktioniert Click and Collect, wir sind ja sehr gut organisiert", sagt Krebs. Doch es gehe "um Existenzen, um Menschen", sie fühle sich vernachlässigt von der Politik. Man müsse Tag und Nacht arbeiten, um sich mit solchen Verkaufsstrategien über Wasser zu halten, und das, obwohl sie Kunden in ganz Deutschland habe. Maßnahmen wie Click and Collect empfinde sie deshalb fast schon als "lächerlich".

Christoph Winkelkötter von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung Starnberg hofft, dass die Geschäfte wieder öffnen können, "wenn von Ostern an die Touristen wieder kommen", und begrüßt es, wenn die Leute die "Click and Collect" Angebote in der Zwischenzeit nutzten.