Nike Go Fly Ease: Der Klappschuh mit der in Deutschland kaum vorstellbaren Vorgeschichte

Sportlicher Look, schickes Design und ein Clou, der nicht nur Sneakerfans hellhörig werden lässt: Mit dem Go Fly Ease hat der US-Schuhhersteller Nike den ersten Turnschuh angekündigt, der sich komplett ohne Nutzung der Hände an- und ausziehen lässt. Möglich macht das ein Klappmechanismus, der beim Schlüpfen in die Schuhe fest zuschnappt. Eine clevere Idee, heißt es von Beobachtern weltweit. Doch um darauf zu kommen, musste Nike bei der Produktentwicklung neue Wege gehen.

Alles begann 2012, als ein Matthew Walzer einen Brief an Nike verfasste. Der damals 16-Jährige wollte wissen, ob ihm der Schuhhersteller bei einem Problem helfen könnte: Er lebe mit Zerebralparese, also Kinderlähmung. Und wegen der der sei er stets drauf angewiesen, dass ihm jemand die Schuhe zubinde. „Als Teenager, der komplett selbstständig leben will, finde ich das frustrierend und oft genug peinlich“, schrieb Walzer.

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Zugleich sei die Suche nach sportlichen, selbstschnürenden Schuhen eine einzige Enttäuschung, beklagte Walzer weiter. Er bat Nike, sich doch Gedanken über eine entsprechende Produktreihe zu machen – betonend, dass es ihm nicht um einen Geschäftsvorschlag gehe. Als den fasste es der Schuhhersteller offenbar trotzdem auf. Und lud Walzer zu einem Gespräch ein.

Lehrbuchbeispiel für Design

Was dann folgte, ist unter US-Designern längst zu einem Lehrbuchbeispiel für die Vorzüge inklusiv denkender Teams geworden: Nike-Experte Tobie Hatfield nahm sich des Themas an, gemeinsam mit Walzer entwickelte er die Fly-Ease-Serie. Seitdem sind mehrere Sneaker erschienen, die den händischen Aufwand beim An- und Ausziehen reduzieren. Bis Nike nun den Go Fly Ease vorgestellt hat. Den können die ersten Nike-Kunden nun bestellen, ein offizieller Erscheinungstermin im Frühjahr soll folgen. Doch vorab wird die Werbetrommel gerührt. Immerhin ist es der erste feste Schuh für den Massenmarkt, der sich ohne jegliche Nutzung der Hände an- und ausziehen lässt.

Das ist möglich, weil Nike dem ganzen Schuh einen Klappmechanismus verpasst hat. Beim Ausziehen tritt man mit einem Fuß leicht auf die Ferse des Schuhs. Wenn dann der andere Fuß angehoben wird, klappt der Schuh einfach auf, weil die Sohle im Prinzip aus zwei beweglichen Teilen besteht. Andersrum reicht es, in die aufgeklappten Schuhe zu steigen und den Fuß zu belasten – schon sitzt der Schuh fest. Ein Konzept, dass Nike selber als „revolutionär“ bezeichnet und für das längst die entsprechenden Patente angemeldet wurden.

In Deutschland kaum vorstellbar

Nike Go Fly Ease: Der Klappschuh mit der in Deutschland kaum vorstellbaren Vorgeschichte

„Ich finde das vorbildlich“, sagt auf der anderen Seite des Atlantiks Anne Gersdorff über die Vorgeschichte des Schuhs. Gersdorff lebt selber mit einer Behinderung, engagiert sich bei den Sozialheld*innen. Der Verein kämpft für mehr Inklusion in Deutschland, auch auf dem Arbeitsmarkt und auch bei der Produktentwicklung. „Deutschland ist da sehr weit hinterher“, kritisiert Gersdorff.

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„Menschen mit Behinderung sollten immer und überall mitgedacht werden – und deshalb auch mitreden“, ist die Aktivistin überzeugt. Geht es nach ihr, können Unternehmen durch solche Kooperationen neue Zielgruppen erschließen. „Und zwar nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern etwa auch Ältere oder Schwangere, denen das An- und Ausziehen von Schuhen oft Probleme bereitet“, erklärt Gersdorff.

Viel Lob für den Schuh

Zwar widmen ihr zufolge langsam mehr Unternehmen dem Thema Inklusion Aufmerksamkeit, in der Privatwirtschaft sei das aber immer noch selten. Denn anders als in den USA müssen Unternehmen in Deutschland nicht barrierefrei sein. Stattdessen müssen viele Menschen mit Behinderung in Werkstätten arbeiten. „Die tragen nichts dazu bei, dass die Menschen dort auf dem regulären Arbeitsmarkt ankommen“, beklagt Gersdorff. Sie und ihre Mitstreiter bei den Sozialheld*innen fordern deshalb unter anderem, dass Werkstätten für Menschen mit Behinderungen abgeschafft werden.

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Noch ist das in Deutschland allerdings Zukunftsmusik – während der inklusiv denkende Schuhhersteller Nike in den USA Tatsachen schafft. Dort bewerben mehrere Paralympicsathleten die neue Schuhserie, die bei Menschen mit Behinderung in sozialen Medien helle Begeisterung ausgelöst hat. Doch die Go Fly Ease kommen auch abseits dessen gut an: „Die sind so cool und gleichzeitig komfortabel“ urteilte der prominente US-Talkmaster Jimmy Fallon in seiner Show am Montag.