„Sneaker Rescue“: Schuhmacher Hagen Matuszak rettet Sneaker

Berlin -

Bei Hagen Matuszak klingelt es in einer Stunde sechsmal an der Tür. Reporterin, Fotograf, sein „Atze“ Paul, eine Kundin, ein Airbnb-Gast, und dann kommt noch der Paketbote und liefert eine Ladung Turnschuhe, die Matuszak retten soll. Netzstoff mit dem Zeh durchstoßen, Fersenfutter durchgewetzt, hässliche Verfärbungen – Hagen Matuszak, 23 Jahre alt, gelernter Orthopädie-Schuhmacher und Gründer von „Sneaker Rescue“, hilft allen, die ihre Sneaker nicht wegschmeißen wollen, sondern reparieren. Und erregt damit viel Aufmerksamkeit, denn auch wenn es schwer zu glauben ist: Außer ihm macht das keiner.

Sneaker sind teuer - deswegen ist eine Reparatur sinnvoll

Wie ist er darauf gekommen? Reporterinnen-Versuche, den fröhlichen jungen Mann nach einer besonderen Begeisterung für die Schuhmacherei zu befragen, spielt er freundlich, aber bestimmt zurück. Orthopädie-Schuhmacher? War der Beruf des Vaters, und Matuzsak sei mit 15 nichts Besseres eingefallen. Vielleicht hat das Handwerkliche ihn begeistert? Kumpel Paul, auch Orthopädie-Schuhmacher, schnaubt im Hintergrund. Matuszak ächzt ein wenig, lacht und sagt: „Nee, ich wusste einfach nicht, was machen.“ Aber warum sitzt er dann jetzt hier in seinem Einzimmer-Altbau in Pankow und repariert bis spät in die Nacht Turnschuhe?

„Macht mir natürlich mehr Spaß, als orthopädische alte Rentnerbotten zusammenzuflicken“, sagt Matuszak erst nüchtern. Aber dann erzählt er. Seine eigenen Schuhe repariert er schon lange selbst, er kann es ja. Und nach der Ausbildung habe er ein halbes Jahr in Zürich gearbeitet, einfach so, um mal was anderes zu sehen. „Und da ist mir aufgefallen, dass alle kaputte Sneaker haben. Weil Sneaker einfach schnell kaputtgehen, die Qualität ist nicht die beste, es gibt tausend Probleme. Aber sie sind todesteuer. Wenn ein Paar 150 Euro kostet, muss man ja nicht alle zwei Wochen ein neues kaufen. Dann lieber reparieren und noch ein Jahr länger tragen.“

Hagen Matuszak hat große Pläne für „Sneaker Rescue“

Und weil das sonst keiner macht, macht er's jetzt halt. Gerissene Stoffe flicken oder patchen, brüchige Sohlen durch neue von einem „Spenderpaar“ austauschen, Innenfutter erneuern, außen neu einfärben. Eine Wissenschaft für sich: „Jeder Sneaker ist irgendwie anders, es werden ständig neue Materialien verwendet.“

Die Begeisterung kam bei der Arbeit: „Je länger ich mich in diese Mission reinfuchse, die Sneaker-Reparatur zu perfektionieren, desto mehr Spaß macht's mir“, sagt Matuszak. Sein Ziel: Jeden Schuh so ausbessern zu können, dass man gar nichts mehr sieht. „Sneaker Rescue“„Ich will irgendwann einen Sneaker so oft repariert haben, dass jedes Teil daran nachhaltig ist, obwohl er aussieht wie so ein unfair produzierter Markenschuh.“ Er hat große Pläne für „Sneaker Rescue“: umweltfreundliche Pflegesets, eigene Sohlen entwickeln. Alles nachhaltig, alles aus Deutschland. Sogar Greenpeace empfiehlt das Berliner Start-up inzwischen und fragt in seiner neuesten Mitgliederbroschüre: „Warum ist eigentlich nicht schon früher jemand darauf gekommen?"

Bei „Sneaker Rescue“ landen billige und sehr teure Sneaker

Als „Öko“ mag Matuszak sich nicht bezeichnen lassen. Aber: „Es gibt viele geile Nebeneffekte: weniger Müll, weil ja durch Schuhe total viel Müll entsteht.“ Er ärgert sich über die Turnschuh-Industrie: „Ich find's beschissen, wenn die Schuhe für zwei Euro von China nach Deutschland verkauft werden und dann hier 150 Euro kosten. Dass so wenig bei den Leuten bleibt, die die Schuhe eigentlich bauen, möchte ich gerne auch ändern und früher oder später einen Teil von der Reparatur an diese Muttis und Kids zurückfließen lassen. Damit der Wirtschaftskreislauf geschlossen ist.“

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Das mit der Gerechtigkeit sei ihm persönlich wichtiger als die Umwelt. Aber mit seinen 23 Jahren ist Matuszak wohl einfach Teil der Generation „Fridays for Future“: Umweltfreundlichkeit ja oder nein ist gar keine Frage mehr. „Das ist einfach der Zeitgeist“, erklärt er. Und das merkt er auch am Geschäft: „Sneaker Rescue“ gibt es erst seit etwa anderthalb Jahren, repariert aber jetzt schon im Monat bis zu 250 Paar Schuhe. Persönlich vorbeigebracht oder eingesandt, von überall her aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Matuszaks Kunden stammen aus jeder Altersgruppe, jedem Einkommenssegment. „Einfach jeder trägt Sneaker, es gibt ja fast keine anderen Schuhe mehr“, sagt er. Die 150-Euro-Treter landen genauso in seiner Werkstatt-Wohnung wie Nike Air Jordans im Wert von 3000 Euro. Im Schnitt 50 Euro kostet eine Reparatur bei „Sneaker Rescue“, Rückversand inklusive. Die Wartezeit beträgt etwa drei bis vier Wochen. Zehn bis 14 Tage sollen es irgendwann sein, sagt Matuszak.

„Sneaker Rescue“ könnte bald einen eigenen Laden haben

„Sneaker Rescue“ passt nicht einfach nur gut in unsere Zeit. Es ist auch ein modernes Kleinunternehmen, mit eigenem Blog, Merchandise-Plakaten („Scheisse am Sneaker ist nicht cool. Neue Sohlen schon“) und einem gut bespielten Instagram-Account, auf dem man schicke Fotos von den neuesten Reparaturergebnissen bewundern kann. Oder Matuszak führt in einem Video vor, wie man seine Turnschuhe am besten reinigt. Es läuft so gut, weil viele mithelfen: ein „friends and-family business“ nennt er es. Seine Freundin Michelle kümmert sich um die Anfragen, deren Schwester schreibt den Blog, Matuszaks Schwester macht Fotos, Paul und noch ein zweiter „Atze“ helfen bei den Reparaturen. Aber das soll nicht mehr lange so bleiben: „Ich suche immer Leute“, sagt Matuszak. Schuhmacher vor allem, aber das sei gar nicht so einfach: „Alle machen jetzt so Medienzeugs!“

Noch teilt Matuszak sich seinen kleinen Wohnraum mit Schlafcouch, Wäscheständer, Einbauküche, seiner Werkbank, der Vintage-Nähmaschine seines Vaters und Hunderten Schuhen, die sich in Regalen und versandfertig im Flur stapeln. Mit der Orthopädie-Schuhwerkstatt unten hat er einen Untermietvertrag, um deren Maschinen benutzen zu dürfen, zum Sohlenschleifen. Aber wenn alles gut läuft, hat „Sneaker Rescue“ sehr bald einen richtigen Laden, mit eigenen Maschinen, neuen Mitarbeitern. Mit einer Schuhfirma hat Matuszak schon eine Garantie-Kooperation, und es gibt Gespräche mit großen Schuh- und Pflegemittelherstellern.

Hagen Matuszak selbst trägt natürlich auch Sneaker. Seit er denken kann, sagt er. Drei Paar besitzt er, davon ein ganz neues, schwarze Reebok Classics. Gibt es eine Marke, die er besonders empfehlen kann, die vielleicht etwas besser gearbeitet ist und nicht ganz so schnell kaputtgeht? Matuszak schüttelt den Kopf. Man erwartet, dass er jetzt sagt: Die sind im Grunde alle Schrott. Aber er sagt: „Natürlich will man, wenn man Sneaker kauft, die von den großen Marken, Adidas, Nike. Sollen ja auch geil aussehen.“ Matuszak liebt Sneaker. Er will nur, dass sie besser werden. Für die Kunden und für die Welt.